Humanitäre Hilfe : „Wenn selbst die Helfer gehen, dann ist es wirklich schlimm“

Die Arbeit der Hilfsorganisationen in Konfliktregionen wird immer gefährlicher. Ein Gastbeitrag von

Barry Steyn
Das zerstörte Logistikzentrum des World Food Program (WFP) der UN in Juba, Südsudan, am 18. August 18 2016.
Das zerstörte Logistikzentrum des World Food Program (WFP) der UN in Juba, Südsudan, am 18. August 18 2016.Foto: AFP

Stellen Sie sich vor, Sie müssen nach einem Unfall dringend in ein Krankenhaus, aber alles, was sie vorfinden, ist ein verlassenes Gebäude. Auf dem Weg in die Notaufnahme dringt das Wimmern von Patienten an Ihr Ohr, doch weit und breit ist kein medizinisches Personal in Sicht. Auch die Notaufnahme ist verwaist, kein Arzt eilt Ihnen zu Hilfe. Alle sind geflohen. Pech gehabt, dass Sie ausgerechnet im Südsudan medizinische Hilfe brauchen. Hier herrscht seit 2013 Gewalt, die jüngst erneut aufflammte.

Unser Logo war eine Sicherheitsgarantie

Dieses Szenario ist in vielen Ländern, in denen Hilfsorganisationen arbeiten, Realität. Meist sind es nur wenige lokale Helfer, die zurückbleiben und die allernötigste Grundversorgung sicherstellen. Unermüdlich verteilen sie Hilfsgüter und Nahrungsmittel, halten den Krankenhausbetrieb aufrecht und koordinieren Hilfseinsätze. Wegen dieser Arbeit geraten sie oft ins Kreuzfeuer der Konfliktparteien. Für das, was sie tun – oder auch was ihnen unterstellt wird zu tun – werden sie zunehmend zum Ziel von brutalen Übergriffen.    

Der 19. August war der Welttag der humanitären Hilfe. In Gedenken an UN-Mitarbeiter, die 2003 bei einer Bombardierung in Bagdad getötet wurden, soll dieser Tag jedes Jahr daran erinnern, dass Helfer ihr Leben riskieren. Im vergangenen Jahrzehnt, in dem mehr Kriege und Krisen nach mehr Hilfe verlangten, nahmen auch Angriffe auf Helfer stark zu. Im Jahr 2015 wurden bei 145 Angriffen insgesamt 285 Menschen verletzt oder getötet. Die gefährlichsten Länder sind Afghanistan, Somalia, Syrien, Jemen und Südsudan.

Vor 15 oder 20 Jahren wäre eine Fahrt in einem Jeep von CARE, mit dem Logo auf der Tür, eine Sicherheitsgarantie gewesen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute werden Helfer zur Zielscheibe. In einigen Ländern sind wir gezwungen, nicht aufzufallen. Von manchen Menschen werden internationale Hilfsorganisationen als Repräsentanten einer ausländischen Kultur und damit als Bedrohung wahrgenommen.

Hilfsorganisationen haben viel in die Sicherheit ihrer Helfer investiert, denn moderne Nothilfe beinhaltet auch umfangreiches Risikomanagement. Gleichzeitig bewegen wir uns auf einem schmalen Grat: Solange wir manche Risiken nicht in Kauf nehmen, werden wir jene Menschen nicht erreichen, die Gewalt und Kampfhandlungen ausgesetzt sind. Doch wenn Mitarbeiter angegriffen oder entführt werden, kann das dazu führen, dass wir Einsätze unterbrechen oder beenden müssen. Einsätze, die für tausende Menschen überlebenswichtig sind.

Angelina, eine junge Mutter aus dem Südsudan, erzählte uns neulich: „Wenn wir sehen, dass selbst die humanitären Helfer gehen, dann wissen wir, dass die Situation wirklich schlimm ist. Wenn sie hier sind, gibt uns das Sicherheit. Aber wer hilft uns, wenn sie weg sind?”

Höheres Risiko für die Helfer

CARE ist seinem humanitären Mandat folgend daran gebunden, Hilfe unabhängig von ethnischer oder politischer Zugehörigkeit, Religion, Geschlecht und Nationalität zu leisten. Unsere Hilfe nimmt keine Rücksicht auf politische, militärische, religiöse oder kommerzielle Ziele. Wir streben danach, von den jeweiligen Gesellschaften akzeptiert zu werden, mit denen wir oft schon jahrzehntelange zusammen arbeiten. Lokale Bewohner und Dorfälteste unterstützen uns nicht nur in unserer Arbeit, oft schützen sie uns auch vor Bedrohungen. Wir sind auf einen beständigen Dialog mit allen kriegsführenden Parteien angewiesen, um einen sicheren Zugang zu Hilfe zu verhandeln und verständlich zu machen, dass unsere Unterstützung neutral und unparteilich ist.

Doch in manchen Teilen der Welt funktioniert diese Strategie nicht mehr. Zu oft wurden die Grenzen zwischen friedenserhaltenden Operationen, Militäreinsätzen und humanitärer Hilfe verwischt. Regierungen und Militärs nutzen Entwicklungszusammenarbeit, um die „Herzen und Köpfe“ der Menschen zu gewinnen – das macht es für die lokale Bevölkerung extrem schwierig, zwischen den verschiedenen Akteuren zu unterscheiden. Es ist ein gefährliches Rezept: Humanitäre Hilfe mit einer politischen Agenda zu versehen, endet in einem höheren Risiko für die Helfer.

In den vergangenen Jahren musste CARE seine Sicherheitsstrategie ändern. Wir haben Sicherheitsrichtlinien und Verfahren entwickelt, die unsere Mitarbeiter vor Ort noch besser schützen. Wir haben Kollegen, die die Sicherheitslage kontinuierlich analysieren und über Zeitpunkt und Ort der Hilfseinsätze informieren, um Helfer und Empfänger der Hilfe zu schützen. Aber all das ist sehr zeitaufwendig und kostspielig.

Die Gefahr geht nicht immer von Entführungen oder Kugelhagel aus

Wenn es Angriffe in die Medien schaffen, dann vor allem, weil internationale Mitarbeiter von Hilfsorganisationen betroffen sind. Tatsächlich sind es aber vor allem unsere einheimischen Helfer oder lokalen Partner, die in die Schusslinie geraten. 2009 beobachteten wir einen Rückgang bei Sicherheitsvorfällen. Das war jedoch nicht darauf zurückzuführen, dass die Risiken gesunken wären. Der Rückgang war vielmehr darin begründet, dass weniger internationale Helfer in die gefährlichsten Regionen geschickt wurden. In schwer umkämpften Gebieten blieben dann ausschließlich lokalen Helfer vor Ort. Die Gefahr geht nicht immer von Entführungen oder Kugelhagel aus: Unsere lokalen Kollegen arbeiten unter großem Druck daran, ihren Landsleuten zu helfen, während sie selbst oft ebenfalls mit ihren Familien in Lebensgefahr schweben.

Die sich schnell verändernden Konfliktlinien und Kampfhandlungen in vielen Regionen der Welt erschweren die Bereitstellung humanitärer Hilfe. Um eines klar zu stellen: Wir reden hier nicht über eine Wahl, die Kriegsparteien hätten. Der Schutz der Helfer in bewaffneten Konflikten ist eine zentrale Verpflichtung des humanitären Völkerrechts. Staatliche und nicht-staatliche Akteure müssen das Leben und die Sicherheit der engagierten Helfer respektieren. Ohne den notwendigen politischen Willen nicht nur der Konfliktparteien selbst, sondern auch ihrer Unterstützer andernorts in den Machtzentren der Welt kann der Beruf des humanitären Helfers nur jeden Tag, jeden Monat und jedes Jahr gefährlicher werden. Wer wird ihn dann noch ausfüllen wollen und können?

Der Autor ist Leiter der Sicherheitsabteilung bei CARE International.

 

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