Politik : Hunderte Menschen sterben im Trommelfeuer

Drei Dörfer unter tagelangem Beschuss - Vereinzelt auch Kampfhandlungen in Grosny

Im tagelangen russischen Trommelfeuer auf drei Dörfer im Westen Tschetscheniens sind nach Angaben von Augenzeugen Hunderte von Menschen getötet oder verwundet worden. Russische Soldaten rückten am Mittwoch in die Orte Schaami-Jurt, Katyr-Jurt und Gechi-Tschu ein. Deren Einwohner sagten, es habe bei den Kämpfen auch viele Tote unter der Zivilbevölkerung gegeben. Drei Viertel der Häuser seien zerstört.

Die Luftwaffe flog nach Angaben eines Militärsprechers unterdessen erneut schwere Angriffe auf vermutete Gebirgsstellungen der Partisanen im Süden. Russische Nachrichtenagenturen meldeten Angriffe kleiner tschetschenischer Gruppen hinter den Frontlinien. Dabei habe es keine russischen Verluste gegeben. In der Schlucht von Argun, in der 3000 Partisanen eingeschlossen sein sollen, sei in der Nacht ein Ausbruchversuch zurückgeschlagen worden. Insgesamt vermuten die russischen Streitkräfte 7000 tschetschenische Widerstandskämpfer im Süden, zu denen sich rund 3000 aus Grosny geflohene Partisanen durchzuschlagen versuchten. In der Hauptstadt ist noch immer vereinzelt Gewehrfeuer zu hören. Das russische Kommando schätzt, das noch 300 Partisanen in Grosny sind, das dennoch unter vollständiger Kontrolle sei. Verteidigungsminister Igor Sergejew sagte, nach einer kurzen Pause werde in den nächsten Tagen die russische Großoffensive gegen die Partisanen im Kaukasus beginnen.

Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu sagte, von den 10 000 in Grosny verbliebenen Zivilisten benötigten ein Drittel medizinische Hilfe. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf teilte mit, in der Nachbarrepublik Inguschetien steige durch den Zustrom tschetschenischer Flüchtlinge die Gefahr einer Tuberkulose-Epidemie. Genaue Zahlen lägen noch nicht vor, sagte WHO-Sprecher Gregory Hartl. "Aber alles deutet darauf hin, dass das Problem größer wird." Die WHO werde Ärzte und Laboratorien mit Medikamenten und Ausrüstung zur Bekämpfung von Tuberkulose nach Inguschetien schicken.

In der russischen Presse wurden am Mittwoch erstmals seit Beginn des bewaffneten Konflikts im Kaukasus Namenslisten der Gefallenen veröffentlicht. Die Medien erhielten die Liste direkt von der Kreml-Administration. Die 279 Angehörigen der russischen Armee und von Sondereinheiten des Innenministeriums waren im August und September des Vorjahres bei den Kämpfen in Dagestan ums Leben gekommen, nachdem dort moslemische Rebellen aus dem benachbarten Tschetschenien eingefallen waren. In dem danach folgenden Feldzug in Tschetschenien sind bisher nach offizieller Darstellung 1123 Angehörige der russischen Einheiten getötet worden.

Ihre Schlussoffensive will die russische Armee nach Angaben von Verteidigungsminister Sergejew noch im Laufe dieser Woche einleiten. Zuvor stehe den Einheiten nach der Eroberung von Grosny am vergangenen Wochenende "eine kurze Erholung" sowie Zeit zur Wartung von Waffen und Gerät zu. Danach würden Luftlandetruppen und Marine-Infanterie die in den Bergen verschanzten Rebellen angreifen. Die Einheiten hätten bereits die entsprechenden Befehle erhalten und ihre Sektoren zugewiesen bekommen, sagte General Kasanzew. "Wir kennen inzwischen die Stützpunkte der Rebellen", zitierte ihn die Agentur Itar-Tass am Mittwoch. "Dort werden sie vernichtet - ihr Schicksal ist faktisch schon besiegelt."

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