Hunderte Tote : Flüchtlingstragödie im Mittelmeer

Die Massenflucht aus Libyen übers Mittelmeer Richtung Italien nimmt dramatische Züge an. 600 Menschen sollen vor Tripolis ertrunken sein, 400 weitere wurden gerettet.

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Immer mehr Menschen werden auf seeuntüchtige Boote verfrachtet. Ein Kahn mit mehr als 600 Flüchtlingen sank am Freitagabend vor der libyschen Hauptstadt Tripolis, berichtet das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) in Italien. Die meisten sollen ertrunken sein. Nach Informationen des arabischen Fernsehsenders Al Dschasira sollen 15 Menschen die Insel Malta schwimmend erreicht haben. Es ist die größte bekannt gewordene Flüchtlingstragödie im Mittelmeer.

Weitere 400 afrikanische Flüchtlinge, deren Boot vor der italienischen Insel Lampedusa auf Grund gelaufen war, wurden von der Küstenwache gerettet. Auch sie waren von der westlibyschen Küste, in der Umgebung von Tripolis, in See gestochen. Viele der Geretteten verloren Freunde und Familienangehörige, die sich auf dem gesunkenen Schiff befanden. Beide Kähne waren offenbar gleichzeitig am Freitag losgefahren. Zudem kam ein weiteres Schiff mit 800 Flüchtlingen wohlbehalten auf Lampedusa an.

„Diese Leute werden in den sicheren Tod geschickt“, empört sich Laura Boldrini, Sprecherin des UNHCR in Italien. Sie geht davon aus, dass hinter der Flüchtlingswelle das Kalkül des libyschen Diktators Muammar al Gaddafi steckt. „Libyens Regierung hat kein Problem, diese Menschen Risiken auszusetzen, sie mit lebensgefährlichen Schiffen loszuschicken, um Europa unter Druck zu setzen“, sagte sie. Allerdings leiden afrikanische Flüchtlinge in Libyen unter Bedrohungen und Diskriminierungen. Sie dürften kaum Entscheidungshilfen brauchen, um nach Europa, wohin sie zum Teil seit Jahren wollen, weiterzuflüchten.

Die jüngste Tragödie nahe der libyschen Küste haben offenbar nur wenige der mehr als 600 Flüchtlinge auf dem Boot überlebt. Viele der Todesopfer, darunter Frauen und Kinder, kamen offenbar aus dem ostafrikanischen Krisenstaat Somalia. Der somalische Botschafter in Libyen, Mohamed Abdiqani, sprach von einem „Desaster“. Den Angaben zufolge sank das völlig überladene Boot bereits kurz nach der Abfahrt. Das UNHCR schätzt, dass seit Jahresbeginn bereits mehr als 1200 afrikanische Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sein könnten. Auf Lampedusa kamen seit Januar bereits mehr als 30 000 Afrikaner in Booten an, auf Malta rund 1000.

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