Politik : Hunderttausende fliehen vor den Kämpfen

In Sri Lankas Norden stehen Regierungstruppen vor der Tamilenhauptstadt / Hilfsorganisation hofft auf internationalen Druck

Ingrid Müller

Berlin - Im Norden Sri Lankas tobt ein Krieg fast ohne Zeugen. Ausländer mussten vor Wochen gehen. Auch einheimische Helfer wie die Mitarbeiter der Hilfsorganisation Sewa Lanka waren jüngst von der Regierung aufgefordert worden, das Gebiet zu verlassen. Man könne ihre Sicherheit in dem Krieg zwischen Regierungstruppen und den Tamilentigern (LTTE, Liberation Tigers of Tamil Eelam) nicht gewährleisten. Sewa Lanka hat sein Büro also auf das Regierungsgebiet im Grenzort zur von der LTTE kontrollierten Region, Vavunyia, verlegt, wie deren Gründer Harsha Navaratne dem Tagesspiegel berichtete. 510 seiner 530 lokalen Mitarbeiter aber durften letztlich im Wanni bleiben. Und beide Konfliktparteien scheinen ganz froh darüber zu sein, denn inzwischen sind mehr als die Häfte der rund 400 000 Einwohner des Gebietes auf der Flucht vor den Kämpfen: 250 000 Menschen.

Ein monatelanges Martyrium beschreibt Navaratne. „Die Menschen, die gerade vier Jahre ein ganz gutes Leben hatten, fliehen vor den Kämpfen. Erst zehn Kilometer. Dann kommen die Kämpfe hinterher, sie fliehen wieder zehn, 15 Kilometer. Sie sind ständig unterwegs.“ Kinder gehen nicht in die Schule, manche haben nicht mal einen Schlafplatz für die Nacht.

Navaratne teilt die Flüchtlinge in drei Gruppen ein. Die ersten flüchten mit der Familie zu Freunden, die zweiten sind in kleinen Gruppen unterwegs, sie bleiben in Tempeln oder Schulen, eine weitere aber wisse nicht wohin und schlafe im Freien unter Bäumen. „Diesen versuchen wir so zu helfen, dass wir ihnen Material für eine Unterkunft geben, das sie immer mitnehmen können“, sagt Navaratne. Seine Leute hätten Anweisung, immer mit den Menschen mitzuziehen. „Das alles ist sehr schwierig. Niemand kann sagen, wo es sicher ist.“

Er hofft darauf, dass bei Verhandlungen Ende der Woche Sicherheitszonen ausgewiesen werden, in denen Zivilisten unbehelligt bleiben. Inzwischen soll auch ein zweiter UN-Hilfskonvoi auf dem Weg ins Sperrgebiet sein. Noch sei die Zeit nicht reif, dass Tamilen in Scharen das LTTE-Gebiet verließen, sagt Navaratne. Trotz der heftigen Attacken seien in den vergangenen zwei Monaten 2000 Menschen von dort geflohen. Beobachter hatten gedacht, es würden mindestens zehnmal so viele kommen. Aber, sagt Navaratne, die Tamilen bräuchten nicht nur einen LTTE-Passierschein. Gerade junge fürchteten sich vor Übergriffen des Militärs, weil sie seit zehn, zwölf Jahren im Tamilengebiet gelebt haben. „Diese Angst sitzt in den Köpfen der Familien.“ Das müsse auch die Regierung sehen und Vertrauen schaffen.

Als „ein gutes Signal“ in Richtung der Tamilen wertet Navaratne den Umstand, dass jüngst der unter dem Namen Karuna bekannte abtrünnige Ex-LTTE-Kommandeur für den Osten als Parlamentsabgeordneter in Colombo vereidigt wurde. Navaratne träumt davon, dass Tiger-Abgeordnete einmal nach einer Wahl ganz normal Abgeordnete werden könnten: „Wenn es in Nepal geht, warum soll es nicht in Sri Lanka gehen?“ Der Präsident sage immer, er wolle verhandeln. Nun ja, wenn die LTTE die Waffen abgebe. Doch dass sie das tun, daran glaubt Navaratne derzeit nicht so recht. Er will auch nicht von der „letzten Schlacht“ um die Tamilenhauptstadt Kilinochchi sprechen. Obwohl er glaubt, dass diese Schlacht geschlagen werden wird. Jenseits des Tamilengürtels gebe es kaum jemanden, der für einen Stopp der Offensive wäre. Die Leute seien den 25 Jahre währenden Bürgerkrieg leid, nun könne die Regierungsarmee zum ersten Mal einen Sieg erringen könnte. „Kilinochchi ist eine Geisterstadt“, sagt er. Vor zehn Tagen war er selbst mitten in der Kriegszone. „Da war die Armee sieben, acht Kilometer vor der Stadt.“ Die Regierung vermeldet die Front jetzt zwei Kilometer vom Zentrum, am Mittwoch seien 47 Aufständische und sechs Soldaten getötet worden.

Navaratne hofft, dass die Armee die Offensive anschließend stoppen und die LTTE fragen wird: „Warum kommt ihr nicht zu Verhandlungen?“ Es werde auch internationalen Druck geben. „Die Geberländer fragen danach“, sagt Navaratne und zählt die USA, die EU, Japan und Norwegen auf. Auch Sri Lankas Zivilgesellschaft wolle das. Er kann sich nicht vorstellen, dass die Regierung der Armee freie Hand lässt, um bis an die Küste im Nordosten vorzurücken. Wenn die Armee nicht innehalte, werde Sri Lanka zum schlimmsten Krisenherd in Südasien, warnt er.

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