Hunger, Flucht und Tod am Horn von Afrika : Die Verzweifelten von Dolo Ado

Für die Menschen in den Lagern an der äthiopisch-somalischen Grenze kommt die Hilfe oft zu spät. Ein Besuch in einem Camp

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Wird er überleben? Die somalische Flüchtlingsfrau Mariama mit ihrem kleinen Sohn Hassan im Lager Dolo Ado in Äthiopien.
Wird er überleben? Die somalische Flüchtlingsfrau Mariama mit ihrem kleinen Sohn Hassan im Lager Dolo Ado in Äthiopien.Foto: Ingrid Müller

Wie eine Verheißung hebt und senkt sich das kleine Stück Messing am schmalen Hals der jungen Mutter. Mariama trägt den Schlüssel zu ihrem Haus an einer bunten Perlenkette über dem weiten blauen Kleid. Als sei ihr so wenigstens ein Stück Heimat sicher. Ihr Heim ist fern, es liegt jenseits der Grenze in Somalia. Jetzt hockt Mariama mehrere Tagesreisen entfernt im Übergangslager von Dolo Ado in Äthiopien auf dem Boden einer winzigen Hütte aus Gestrüpp und Stoff. In ihrem Schoß hält sie ein greinendes Bündel. Der Kopf scheint viel zu groß zu sein für den kleinen Körper, der nur noch ein Gerippe mit Haut ist. Hassan, Mariamas Sohn, ist drei, er weint und sucht Halt an der Mutter. Neben ihnen sitzt seine Schwester Hadu im Sand. Das kleine kugelförmige Heim misst einen Meter fünfzig in der Höhe. Sie teilen es sich mit einer weiteren Mutter und deren Kinderschar. Überall lugen Augen aus dem Innern dieses Refugiums, vor der brennenden Mittagssonne und dem Staub, den der Wind durchs Lager treibt.

Ihr Mann sei zu alt gewesen für die Flucht, sagt Mariama, er sei zu Hause geblieben. Mit dem zweiten Schlüssel. Sie wartet hier schon seit ein paar Wochen im Durchgangslager, in dem die Menschen eigentlich nur zwei oder drei Tage bleiben sollen. Aber es gibt immer neue Probleme beim Aufbau des Camps Halloween, in das sie umziehen sollen. Fast zwei Wochen hat sie schon mit Hassan in der Gesundheitsstation am Rande des Lagers verbracht. Seit zwei Tagen aber habe sie nichts mehr für den Kleinen bekommen. „Ich habe meine Karte verloren“, sagt sie und schaut sich Hilfe suchend um. Nur gegen Vorlage der Registrierungskarte erhält sie Essen und Medikamente. Irgendeine Kontrolle muss es bei der unüberschaubaren Menge der Ankömmlinge geben. Mariama dreht sich um, zieht hinter ihrem gelben Wasserkanister ein kleines Alutütchen hervor und hält es in die Höhe. Nur noch eine solche Portion Spezialnahrung für Hassan sei übrig.

Hat sie ihre Karte verloren? Oder haben die anderen Kinder Hassans Überlebensnahrung bekommen? Wer will das in dem Chaos von inzwischen mehr als 16 000 Menschen in dem Transitlager, das für gerade mal 1500 gedacht war, beantworten? Sicher ist wohl nur, dass Hassan so nicht mehr lange überleben wird. Nach Angaben der Vereinten Nationen herrscht im Lager im Moment die höchste Sterblichkeitsrate der Welt.

Eine Autostunde entfernt, im Flüchtlingscamp Kobe, stehen die Flüchtlinge in langen Schlangen vor dem großen Lagerhaus an. Die für rund 25 000 Menschen gedachte Zeltstadt war wegen des großen Flüchtlingsandrangs nach nur vier Wochen voll. In Äthiopien sollen keine Riesenlager entstehen. Weit und breit gibt es keinen Schatten. Viele Flüchtlinge sind geschwächt, denn sie fasten seit Montag früh um zwei Uhr dreißig, Ramadan hat begonnen. Nach den langen heißen Tagen brauchen die ausgezehrten Muslime beim Sonnenuntergang gegen sieben Uhr unbedingt eine Mahlzeit. In Kobe, einem sogenannten regulären Flüchtlingscamp, bekommen alle einmal im Monat gut 20 Kilo Mehl, Korn, Zucker, Salz und Öl. Sie sollen ihr Essen selbst zubereiten. 2100 Kalorien pro Tag und Person hat das Welternährungsprogramm (WFP) in diesem Paket zusammengestellt. „Das ist mehr als ein Europäer am Tag isst“, sagt WFP-Sprecherin Judith Schuler. Auch die Schweizerin ist eine junge Mutter und ahnt, was die Frauen durchleiden, um ihre Kinder durchzubringen.

Aibla Sheik Aden wartet in der Schlange. Die 35-Jährige schimpft. Die Fliegen auf der Kleidung, auf den Händen, auf dem Gesicht, sie lassen sich nicht stören. Schon am Tag davor hat sie angestanden. Aber es wurde nichts ausgegeben, berichtet die Mutter von sieben Kindern enttäuscht. Am Abend habe sie sich bei den Nachbarn etwas zusammenbetteln müssen. „Eine Verspätung“ – WFP-Mitarbeiter Detinet Ameha hebt entschuldigend die Arme. 30 Lastwagen sind im Non-Stop-Einsatz, um jeden Monat 3000 Tonnen Lebensmittel von Nazaret in der Nähe der Hauptstadt Addis Abeba hunderte Kilometer über unwegsame Pisten heranzuschaffen. Für jede Strecke brauchen die Trucks mehrere Tage. Die Gegend um Dolo Ado ist kaum erschlossen.

Hungersnot am Horn von Afrika
Geschafft: Halema Mussel ist endlich im Lager angekommen. Viele Menschen schaffen es jedoch nicht, Somalia zu verlassen um Hilfe zu suchen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 25Ingrid Müller
29.07.2011 22:50Geschafft: Halema Mussel ist endlich im Lager angekommen. Viele Menschen schaffen es jedoch nicht, Somalia zu verlassen um Hilfe...

Ans Einfliegen der Hilfe in großem Stil ist nicht zu denken. Der Flughafen von Dolo Ado ist eine kurze rote Sandpiste am Ortseingang, auf der gerade einmal einmotorige Maschinen mit einer Handvoll Passagiere landen können. Die Landebahn wollen die UN gern verlängern, darüber verhandeln sie gerade mit den Behörden. Aber selbst danach dürfte es für große Frachtmaschinen schwierig bleiben. Und dann wäre da noch die Frage der Flug- und Landerechte. Die Grenze zum unsicheren Nachbarn Somalia ist nur ein paar Kilometer entfernt, da möchte sicher auch das äthiopische Militär ein Wörtchen mitreden.

Aibla Sheik Aden ist enttäuscht. Schon am 20. des Monats seien die Essensrationen alle, obwohl für Erwachsene und Kinder die gleiche Menge ausgegeben wird. Sie habe all ihr Geld für den Weg hierher gebraucht, aber auch jetzt habe sie Ausgaben, nicht zuletzt, um das Essen zuzubereiten. In den regulären Camps kochen die Flüchtlinge selbst, im Transitlager erhalten sie zwei warme Mahlzeiten täglich. 30 000 Essen à 1,50 Dollar kocht eine äthiopische Organisation dort jeden Tag in riesigen, vom Feuer schwarzen Töpfen unter freiem Himmel. Da kommt eine Menge Geld zusammen. Den Reis, den sie dort kriegen, mögen viele Flüchtlinge aber nicht. Manche werfen ihn deshalb weg, berichten Helfer.

Vor rund drei Monaten ist Aibla Sheik Aden nach Äthiopien gekommen. Inzwischen haben vier ihrer Kinder Durchfall bekommen. „Ich habe die vier zurück zu ihrem Vater nach Somalia geschickt“, sagt sie, ohne die Miene zu verziehen. Ihr Mann arbeite daheim in einer Klinik, er habe ihr über nachkommende Flüchtlinge eine Nachricht geschickt, dass er sich kümmern werde. Von ärztlicher Hilfe in Kobe hat Aibla noch nichts gehört. So gut der Informationsfluss offenbar untereinander und selbst zurück in die Heimat funktioniert, so schlecht scheint er bisher von den Helfern zu den Flüchtlingen zu sein. Sie habe schon alle Hände voll zu tun, die drei gesunden Kinder zu versorgen, sagt Aibla. „Die vier kranken Kinder sind hier eine zu große Last.“ Sobald sie wieder gesund seien, sollten sie aber wieder herkommen.

Mit dem nächsten Satz berichtet sie, dass sie ihr Zuhause verlassen hat, weil es dort nichts mehr zu essen gab. „Seit vier Jahren hat es nicht mehr genug geregnet. Nur noch wie eine Dusche, die kurze Zeit zum Trinken reicht.“ Selbst die Esel, die normalerweise das Wasser transportieren, seien so schwach gewesen, dass sie diese Arbeit nicht mehr hätten machen können. Außerdem sei das Wasser versalzen, sagt sie. Als immer mehr Flüchtlinge durchzogen, sei auch sie gegangen.

Ali, der etwas weiter hinten in der Schlange wartet, klagt auch. Er ist 23 und mit seiner kränkelnden Mutter gekommen, hat Frau, Kinder und Vater zurückgelassen. Ein beiges Tuch schützt seinen Kopf gegen die Sonne. Heute wird seine Ration nicht ausgegeben, er versucht als Transporthelfer für andere etwas zu verdienen. Im Moment, das erzählt er freimütig, ist seine Monatsration gleichzeitig seine Währung. „Meine Mutter kann das trockene Essen nicht vertragen. Ich habe einen Teil verkauft, um Fleisch und Milch für sie zu kaufen. Das ist aber teuer.“

Klagen die Flüchtlinge zu Recht oder erwarten sie einfach zu viel? Immerhin scheint die Kunde von der Hilfe inzwischen nicht nur die Schwächsten aus den ländlichen Regionen Somalias zum Aufbruch zu bewegen. Seit einigen Tagen beobachten die Helfer in Dolo Ado, dass etwas weniger ausgemergelte und besser gekleidete Flüchtlinge kommen, manche sogar mit Handy.

Die Flüchtlinge erwähnen nicht, dass sie auch Geld brauchen, um Verwandte und Bekannte in den anderen Lagern zu besuchen. Im Moment gibt es im Umkreis von anderthalb Autostunden um Dolo Ado drei Flüchtlingscamps, dazu eines kurz vor der Eröffnung und das Durchgangslager – für insgesamt rund 120 000 Menschen. Ein weiteres Lager ist in Vorbereitung. Vor den Camps warten immer einige Minibusse, die die Somalier zwischen den Camps hin- und herfahren. Natürlich nicht gratis, den Fahrdienst bieten äthiopische Unternehmer an.

In Kobe haben bisher auch nicht alle Familien Zelte, obwohl hier schon keine Neulinge mehr aufgenommen werden. Rund die Hälfte der Flüchtlinge hause immer noch in selbstgebauten Hütten, weil der Aufbau der Unterkünfte stocke, ist zu hören. Im nächsten neuen Camp, in Halloween, wollen sie den Wildwuchs an Behausungen vermeiden. Dort stehen die meisten weißen Tonnenzelte schon, aber die Eröffnung verzögert sich jeden Tag aufs Neue. Erst wegen des Toilettenbaus, dann wegen der Wasserversorgung. Also stauen sich immer mehr Menschen im Transitlager. Jo Hegenauer, UNHCR- Chefkoordinator in Dolo Ado, hat für die unangenehme Lage eine freundliche Umschreibung. „Die Flüchtlinge werden in wenigen Tagen spüren, wie kräftig die Hilfe angelaufen ist“, sagt der Amerikaner. Was wohl so viel heißt, dass sie bisher noch allerlei zu wünschen übrig lässt. Auch viele UN-Mitarbeiter aus aller Welt übernachten im Moment in Zelten, wie sie für die Flüchtlinge aufgestellt werden.

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