Hurrikan "Matthew" : "Die Situation ist noch immer chaotisch"

Der Bonner Internist Markus Hohlweck ist für die Hilfsorganisation Humedica nach Haiti gereist. Dem Tagesspiegel berichtete er aus Port-au-Prince von seinen Eindrücken.

Clara Lipkowski
Ein Ort der Verwüstung: Jérémie im Südwesten Haitis nach dem Sturm. Hier war "Matthew" mit bis zu 230 Stundenkilometern über das Land gefegt.
Ein Ort der Verwüstung: Jérémie im Südwesten Haitis nach dem Sturm. Hier war "Matthew" mit bis zu 230 Stundenkilometern über das...Foto: AFP

Herr Hohlweck, Sie haben am Donnerstag in einer Gruppe von sechs deutschen Helfern die Hauptstadt von Haiti erreicht, das teilweise vom Hurrikan stark verwüstet wurde. Welches Bild bot sich Ihnen dort?

Wir sind über die Dominikanische Republik eingereist, weil wir nicht wussten, ob der haitianische Flughafen offen sein würde. Auf dem Weg von der Grenze nach Port-au-Prince haben wir vor allem umgestürzte Bäume und Strommasten sowie zerstörte Plantagen gesehen, die Straßen waren aber passierbar, weil schon alles weggeräumt war. Im Vergleich zum südwestlichen Teil des Landes muss es harmlos sein.

Was konkret wird Ihre Aufgabe sein?
Zuerst fahren wir zu einem Treffen der Hilfsorganisationen, das die UN veranstaltet. Dort wird die Hilfe koordiniert und unser Team einer bestimmten Region zugeteilt. Wahrscheinlich wird es die Gegend um Les Cayes werden. Entweder fahren wir in kleinere Krankenhäuser der Regionen oder mit unserem Equipment in Dörfer, die noch niemand erreicht hat. Wir haben Medikamente für etwa 3000 Personen in zwei Monaten dabei, können kleinere chirurgische Eingriffe vornehmen und bei der Aufbereitung von Trinkwasser helfen. Mit unserem Auto sind wir komplett autark.

Was denken Sie, wird Sie dort erwarten?
Ich denke, dass die akuten Verletzungen schon von den örtlichen Ärzten versorgt worden sind. Aber in Orten, die noch nicht zugänglich waren, werden Menschen wahrscheinlich noch mit infizierten Wunden oder gebrochenen Gliedmaßen auf Hilfe warten. Wie es mit Cholera aussieht, kann ich noch nicht sagen, aber da es keinen Zugang zu sauberem Wasser gibt, ist mit Durchfallerkrankungen zu rechnen. Wir hoffen, dass wir Cholera noch verhindern können, auch indem wir bei der Wasseraufbereitung helfen. Der Einsatz wird jetzt erst einmal eine logistische Herausforderung werden.

Das Land hatte sich vom Erdbeben 2010 noch nicht vollständig erholt. Wie weit wird der Sturm Haiti zurückwerfen?
Ich denke nicht, dass es Haiti sehr weit zurückwerfen wird. Was ich so sehe, ist seit dem Beben viel an der Gebäudestruktur verbessert worden. Der Südwesten ist stark betroffen, das ist natürlich sehr problematisch und ein schwerer Schlag. Zum Glück ist der größte Teil der Insel verschont geblieben. In Port-au-Prince läuft das Leben weitgehend normal. Jetzt müssen wir erst einmal in den Südwesten gelangen, um mehr sagen zu können. Im Moment ist die Situation noch sehr chaotisch.

Vor dem Abflug: Markus Hohlweck ist ein erfahrener Katastrophenhelfer. Für gewöhnlich arbeitet er als Krankenhausarzt.
Vor dem Abflug: Markus Hohlweck ist ein erfahrener Katastrophenhelfer. Für gewöhnlich arbeitet er als Krankenhausarzt.Foto: Humedica

Markus Hohlweck, 55, war schon sechs Mal auf Haiti im Einsatz. Auch nach dem verheerenden Erdbeben im Jahr 2010 war er am Ort, um Verletzte zu versorgen. Später behandelte er Cholerapatienten auf der Karibikinsel. Nun wird er etwa zwei Wochen auf Haiti bleiben, dann wird das Team von Humedica voraussichtlich ausgetauscht.

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