Politik : „Ich bin Al Qaida“

Der Terrorverdächtige Moussaoui bekennt sich schuldig – das Urteil ist dennoch längst nicht klar

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Vom Federal Court House in Alexandria, Virginia, sind es nur wenige Meilen bis zum Pentagon, jenem Ort also, auf den ein Flugzeug der Attentäter vom 11. September stürzte und mehr als 800 Menschen tötete. Der Schauplatz des Verfahrens gegen Zacarias Moussaoui, 37, das am Montag mit Statements von Anklage und Verteidigung begann, ist mit Bedacht gewählt. Obwohl der in Marokko geborene Franzose in Minnesota festgenommen wurde und die meisten Menschen bei den Anschlägen in New York starben, wollte das Justizministerium unbedingt nach Alexandria. Dort, so hofft es, ist die Jury konservativer und positiver gegenüber der Regierung in Washington eingestellt.

Das wird auch nötig sein, soll Moussaoui – wie von Washington gewünscht – zum Tode verurteilt werden. Der Prozess ist nur auf den ersten Blick eine eindeutige Sache für die Anklage. Obwohl Moussaoui sich in sechs Anklagepunkten schuldig bekannte, ist ein weiterer Schritt notwendig, um ihn tatsächlich in die Todeszelle zu schicken. Die Staatsanwaltschaft muss dafür nicht nur beweisen, dass der Angeklagte, der fünf Wochen vor den Anschlägen auf Pentagon und World Trade Center festgenommen wurde, von den Plänen seiner Al-Qaida-Komplizen wusste. Sie muss auch glaubhaft darstellen, dass die Attacken verhindert worden wären, hätte Moussaoui die Behörden nicht durch Lügen in die Irre geführt.

Das wird nicht leicht sein, gibt es doch mittlerweile ganze Bücherregale voll mit Berichten, die das Versagen der Geheimdienste CIA und FBI dokumentieren. Die meisten kommen zu dem Schluss, dass den Behörden genügend Informationen und Hinweise auf einen Al-Qaida-Anschlag vorlagen. Doch Fehleinschätzungen und organisatorische Mängel führten dazu, dass die einzelnen Punkte nie zu einem Gesamtbild verbunden wurden. Entsprechend interessant – und potenziell peinlich für das Weiße Haus – dürften die Auftritte der FBI-Agenten sein, die als Zeugen der Anklage vorgesehen sind.

Einer von ihnen wird voraussichtlich gar eine Doppelrolle spielen. Harry Samit war einer der Agenten im FBI-Büro in Minneapolis, wo Moussaoui im August 2001 zunächst wegen Verstoßes gegen die Einwanderungsbestimmen festgenommen wurde. Schon damals warnte Samit seine Kollegen in der Zentrale in Washington, dass es sich bei dem Häftling um einen so genannten Schläfer einer Terrororganisation handeln könnte. So hatte er versucht, Flugstunden zu nehmen, war aber dadurch aufgefallen, dass er sofort das Starten und Landen von großen Jets lernen wollte. Washington ging den Hinweisen jedoch nie nach. „Agent Samit wird für beide Seiten entscheidend sein“, vermutete Richterin Leonie Brinkema bereits nach einer Anhörung.

Der einzige Prozess im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September findet unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Die Namen der Jurymitglieder bleiben der Öffentlichkeit ebenso verborgen wie viele der Beweisunterlagen. Das Verfahren findet zudem in einem emotional höchst geladenen Umfeld statt, Bilder davon werden in sechs Gerichtssäle übertragen, damit Angehörige der Anschlagsopfer es verfolgen können.

Moussaoui selbst hatte im Vorfeld des Prozesses mit seinem Auftreten für Schlagzeilen gesorgt. So beschimpfte er die Richterin und seine Verteidiger und forderte, sich selbst vertreten zu dürfen. „Ich bin Al Qaida“, rief er, „sie sind Amerikaner, sie repräsentieren mich nicht.“ Das Verfahren sei eine Zirkusveranstaltung. Die Richterin schloss ihn vom weiteren Prozedere aus. Moussaoui hatte zugegeben, von Osama bin Laden für Anschläge auf die USA ausgewählt worden zu sein. Das FBI vermutete zunächst, dass Moussaoui gemeinsam mit den anderen 19 Attentätern vom 11. September hätte operieren sollen. Die Medien verpassten ihm deshalb den Spitznamen „Der 20. Attentäter“. Doch mittlerweile scheint sicher zu sein, dass er für eine zweite Welle von Anschlägen trainierte. Er selbst sagt, er habe ein Flugzeug in das Weiße Haus steuern sollen für den Fall, dass Forderungen nach der Befreiung von Omar Abdel Rahman nicht nachgekommen werde. Der ägyptische Muslimprediger sitzt lebenslang in Haft, weil er Anschläge auf die UN und das FBI in New York plante.

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