Politik : „Ich bin außerordentlich beunruhigt“

Lange hat Michel Friedman gedacht, die Ewiggestrigen stürben in Deutschland aus. Nun sagt er: Ich habe mich geirrt

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Herr Friedman, wie unanständig ist Deutschland?

Es gibt einen Aufstand der Unanständigen, der momentan lauter und effektiver ist, als je zuvor. Der Teil Deutschlands, der Menschen in Stereotypen kategorisiert, in Ausländer, Juden oder andere, und der mit verbaler Gewalt, teilweise aber auch mit körperlicher Gewalt droht, der ist unanständig. Unanständig ist eine Gesellschaft, die sich nicht in dem Maße vom Erstarken der NPD bedroht fühlt, wie eine Minderheit das tut. Eine solche Gesellschaft wird dann auch nicht zu einem Schutzschild.

Das ist Ihre Bestandsaufnahme. Was ist mit den Konsequenzen? Sie haben vor kurzem angedeutet, diese auch persönlich ziehen zu wollen. Ihre Worte: „Ich stelle mir immer häufiger die Frage, ob es richtig war und ist, in diesem Land zu leben.“

Ich bin außerordentlich beunruhigt. Diese so genannte Hilflosigkeit bringt mich geradezu auf die Palme. Es muss eine argumentative Auseinandersetzung nicht nur mit den Funktionären, sondern mit den Wählern und Sympathisanten geben. Hier geht es um die Kernidentität unseres Landes und unserer Demokratie.

Was werfen Sie der Gesellschaft vor?

Ich sage, die Betroffenheit der Mehrheit zu diesem Phänomen ist nach wie vor unterentwickelt – als ginge es nur um den Schutz der Minderheiten. Die Wahrnehmung der Gefahr, nicht für mich als Minderheit, sondern für alle Bürger, scheint nicht verinnerlicht zu sein.

Wir wollen das nicht beschönigen, wir wollen nur mehr darüber erfahren, warum Sie ausgerechnet jetzt derart elektrisiert sind?

Weil mittlerweile ein beunruhigend hoher Sockel existiert. Ich dachte, als ich 20 war, dass sich dieser Sockel durch die Ewiggestrigen und ihr Ableben verringern wird. Ich war überzeugt davon, dass da nichts nachwächst. Ich habe mich geirrt. Mich erschreckt der jugendliche Nachwuchs.

Wissen Sie, wie das klingt? Das klingt wie Ignatz Bubis.

Ja, Ignatz und ich waren uns da sehr nah.

Deswegen unsere Frage: Ist das nun auch Resignation bei Michel Friedman?

Aber nein. Alles, was ich in den letzten 30 Jahren gesagt habe, ist in dieser Kontinuität. Ich bin nicht bereit, mich damit abzufinden, dass es in der Gesellschaft etwa 15 Prozent Rassisten oder Antisemiten gibt.

Wollen Sie Ihren Sohn in Deutschland aufwachsen lassen?

Als meine Eltern sich entschieden haben, nach Deutschland zu kommen, da war ich zehn, da habe ich nicht begeistert darauf reagiert. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich mir auch als Vater die Frage stellen muss. Der Antisemitismus wird mein Kind in Europa, in der ganzen Welt verfolgen. Der Antisemitismus ist keine deutsche Erfindung. Aber Auschwitz ist eine deutsche Erfindung. Muss ich meinem Kind in dem Land, das Auschwitz erfunden hat, in dem Land, wo viele Deutsche Auschwitz exekutiert haben, die aktuelle Nazi-Konfrontation antun. Dieser Gedanke ist in mir.

Wie lange geben Sie sich Zeit?

Mein nächster Lackmustest wird die Bundestagswahl sein.

Die Werte Toleranz und Freiheit sind Ihnen wichtig. Die sind noch nicht verloren.

Aber es wird schlechter. Wenn Sie heute als Ausländer beispielsweise in Rostock spazieren gehen wollen, dann begleitet Sie auch die Angst vor Nazis. Und was ist mit den Synagogen, die von der Polizei beschützt werden müssen? Was ist mit den Kindern, die auf eine jüdische Schule gehen? Ich will nicht dramatisieren. Auch ist jeglicher Vergleich mit Weimar oder 1932 falsch. Trotzdem sage ich: Wenn sich das so fortsetzt, dann möchte ich hier nicht leben. Noch etwas: Ich habe den Satz „Auschwitz haben wir nicht gewollt“ so oft gehört in meinem Leben. Und ich will Ihnen gestehen, ich habe es den meisten auch geglaubt. Aber was sollte dieser Satz bedeuten? War denn das, was vor Auschwitz passierte, nicht schon schlimm genug? Auch jetzt denken wir immer nur an den Endpunkt der Gewalt. Aber dieser Endpunkt der Gewalt hat Anfangspunkte. Ich behaupte, dass wir uns an zu viele gewöhnt haben und wir nicht merken, dass unser Gewohnheitssockel sich verändert hat.

Sollte man juristisch gegen die NPD vorgehen?

Es gibt ein Bukett von Maßnahmen. Wir diskutieren beispielsweise über Demonstrationen am 8. Mai vor dem Brandenburger Tor oder an anderen Plätzen. Wenn es so ist, dass wir Angst haben, dass die Hoheit über die Straßen bei diesem Thema von Rechtsradikalen übernommen werden könnte, dann müssen wir die eigene Hoheit über die Straße wiederherstellen. Als es um den Irak ging oder um Hartz IV oder nun um Studiengebühren, hat Deutschland fast täglich demonstriert.

Wieso sind Sie so zurückhaltend, was ein NPD-Verbot angeht?

Ein Verbot würde ich begrüßen. Nur sage ich, sich mit juristischen Maßnahmen zu entlasten, ist ein ebenso kurzsichtiger wie kurzfristiger Erfolg. Natürlich wird diese Gruppierung, selbst wenn sie verboten wird, sehr schnell wieder eine andere Partei gründen können. Das heißt: Wir laufen wie der Hase dem Igel hinterher. Es geht letztendlich um Millionen Menschen, die mit den Gedanken der NPD sympathisieren. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen sagen uns, dass zwischen 15 und 20 Prozent unserer Bevölkerung rassistische und antisemitische Vorurteile in sich tragen. Jeder Fünfte! Das sind 15 bis 18 Millionen Menschen! Wir haben es mit einem gesellschaftspolitischen Phänomen zu tun. 60 Prozent sagen, sie vertrauen den demokratischen Parteien nicht mehr. Was machen wir, wenn aus diesem Humus im Jahre 2006 die Saat im Bundestag aufgeht? Dann geht es nicht mehr nur darum, dass die Rechtsextremen fünf oder sechs Prozent haben, nein, sie verändern dann unter Umständen die gesamte demokratische Arithmetik und Kultur.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland wäre die richtige Institution, um die intellektuelle Auseinandersetzung zu suchen.

Der Zentralrat ist nach wie vor die wichtigste Institution des jüdischen Lebens, momentan stellt sich für mich die Frage nicht, weil die frühestmögliche Wahlperiode in drei Jahren sein wird. Und das ist eine lange Zeit. Reden wir in drei Jahren. Es gibt doch diesen wunderbaren Satz: Kommt Zeit, kommt Rat.

Ist die Schoah Teil der deutschen Identität?

Sagt der Bundespräsident.

Glauben Sie ihm?

Wenn er das sagt, erwarte ich, dass er das Thema in der politischen Auseinandersetzung auf seine Kernagenda nimmt, so wie er es in Israel versprochen hat. Das Gleiche gilt für den Bundeskanzler. In seiner Rede im Deutschen Theater hat er gesagt: „Niemals darf den Antisemiten gelingen, jüdische Bürger nicht nur unseres Landes zu bedrohen und zu verletzen.“ Ich frage den Bundeskanzler: Wo lebt er eigentlich? Das passiert bereits täglich.

Das Gespräch führten Stephan-Andreas Casdorff und Axel Vornbäumen.

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