Politik : Ich bin Köhler!

Der Präsidentschaftskandidat macht deutlich, dass er sich bei allen wichtigen Fragen der Politik zu Wort melden wird

Robert Birnbaum

Die Augen suchen Halt irgendwo im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses, Horst Köhler schwankt, ob er nun lächeln soll oder ernst gucken; beim Gruppenfoto zwischen Angela und Edmund wird der Mann, der Deutschlands Erster werden soll, sogar ganz dezent rot im Gesicht. Auftritt vor Publikum ist eine gewöhnungsbedürftige Disziplin. Aber Stimme hat er, und als Mangel an Selbstbewusstsein deutet die Pantomime besser auch keiner. „Ich sag’ noch mal: Ich trau’s mir zu“, sagt Köhler, Bundespräsidentenkandidat der, nun ja, vereinigten Opposition.

Die leise Konfirmanden-Unsicherheit hat übrigens durchaus etwas Sympathisches. Verständlich ist sie allemal. Wie sie da so stehen, die CDU-Chefin Merkel zur Rechten, der CSU-Chef Stoiber zur Linken, erinnert das Bild stark an eine Familienszene: Stolze Eltern präsentieren gelungenen Sohn der staunenden Öffentlichkeit. Das Staunen hat sich in den letzten Tagen in Schlagzeilen am Rande zur Beleidigung artikuliert – „Horst – Wer?“ titelte „Bild“. Aber es ist ja richtig, hier zu Lande kennt ihn kaum einer. Da kann der erste Eindruck der bleibende werden.

Kein Wunder also auch, dass Horst Köhler sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt am Sonntag in Berlin nur wenig vom vertrauten Feld entfernt. „Ich werd’ zu gegebener Zeit zu allen wichtigen Fragen der Republik Stellung beziehen“, wehrt er Neugierige ab. Es schwingt ein Ton dabei mit, der ahnen lässt: Er wird sich wenn, dann auch entschieden zu Wort melden. Am Sonntag spricht aber noch der Chef des Internationalen Währungsfonds IWF mit Dienstsitz Washington, der er bis vor drei Tagen war. Diese Perspektive hat ihn gelehrt, „dass die Welt in Bewegung ist“. Dass Marktwirtschaft und Demokratie auf dem Vormarsch seien, in Asien, in China, in Afrika – mit Folgen, die für uns nicht nur erfreulich seien. „Deutschland muss sich diesem Prozess stellen“, sagt Köhler. „Deutschland muss noch mehr aufwachen.“

Das Potenzial sei da, ein großes, immer noch ein starkes, ein zukunftsfähiges Land, aber seiner selbst nicht bewusst: „Man ist noch nicht gewappnet für die Zukunft.“ Dass das Land von der Substanz lebe, beklagt Köhler, dass der Umbau der Sozialsysteme als Sozialabbau gesehen werde statt als Sicherung von Arbeitsplätzen, dass Bildung und Wissenschaft dringlich gefördert werden müssten, um neue Substanz zu schaffen.

Davon ist er erkennbar überzeugt, und deshalb lobt er noch einmal des Kanzlers Agenda 2010. Doch da ist ein Nachsatz fällig, den ist er denen schuldig, die ihn nominiert haben: „Die Agenda 2010 reicht aber noch nicht.“ Und dass er zwar Präsident aller Deutschen werden wolle, aber auf dem Boden der Werte von Union und FDP stehe: der sozialen Marktwirtschaft vor allem, auch – das hat er drinnen den versammelten Präsidien von CDU und CSU gesagt – dem christlichen Menschenbild. Darauf, dass er kein Instrument des Machtwechsels sei, darauf besteht er gleichwohl energisch: „Ich bin Köhler!“

Und wer ist also Köhler? Eine „Biografie deutscher Geschichte“ nennt der 61-Jährige sein Leben: Die Eltern aus Bessarabien im rumänisch-russischen Grenzgebiet, zwangsumgesiedelt nach Polen, wo der Junge Horst geboren ist, aufgewachsen in Markkleeberg bei Leipzig, 1953 geflüchtet in den Westen nach Ludwigsburg. An den Ort seiner Kindertage, nach Sachsen will er als erstes jetzt reisen. Überhaupt: reisen. „Ich werd’ ein bisschen systematisch vorgehen“, sagt der Kandidat. Sechs Jahre im Ausland, da kennt einer das Land nicht mehr so genau, das er ein „wunderbares“ nennt und dem er nun zurückgeben wolle, was er von ihm bekommen habe: Die Chance zu lernen, zu studieren, aufzusteigen. Deutschland hat ihm geholfen, jetzt will er Deutschland helfen.

So tatendurstig sagt er das, dass man sich unwillkürlich fragt, warum sie ihn eigentlich nicht zum Kanzlerkandidaten gemacht haben. Aber der Job ist am gleichen Abend im ZDF vergeben worden, von Roland Koch. Der hat bekräftigt, dass er die Kandidatenkür misslungen findet, den Kandidaten aber trotzdem gut. Und was Angela Merkel angehe: Die sei die Nummer eins der CDU; in der K-Frage habe sie ein „eindeutiges Prä“.

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