Politik : "Ich hoffe, dass die Nachteile der Gentechnik deutlicher werden"

Die grüne Fraktionsvize Bärbel Höhn über die Saatgutindustrie und ihre Versprechungen zur Anpassung an den Klimawandel.

Die Saatgutkonzerne, die es bis heute nicht geschafft haben, die grüne Gentechnik in Europa zu etablieren, haben ein neues Argument: die Anpassung an den Klimawandel. Ist da etwas dran?

Die Genlobby war immer Weltmeisterin im Ankündigen und Kreisklasse bei der Umsetzung. Trockenresistente Sorten, um den Hunger in den Dürrezonen zu bekämpfen, haben die Konzerne ja schon ewig versprochen, oder Gemüsesorten, die mit Salzwasser auskommen. Es ist bei der Ankündigung geblieben. Das liegt wohl auch daran, dass diese Ziele mit der grünen Gentechnik nur schwer erreicht werden können. Eine Pflanzeneigenschaft hängt eben meistens nicht nur an einer kleinen Gensequenz, sondern an mehreren. Wenn man das ändern will und als Technik nur dieses Schnippelverfahren hat, bei der eine kleine Gensequenz irgendwo rausgenommen und anderswo wieder eingesetzt wird, kommt man eben nicht sehr weit. Viel interessanter sind die Verfahren des sogenannten Smart Breeding, also der intelligenten Züchtung. Dabei wird das Wissen über die Genetik der Pflanzen für konventionelle Züchtungsmethoden genutzt, indem Eigenschaften innerhalb von verwandten Sorten besser ausgetauscht werden können. Damit lässt sich die Züchtung erheblich verbessern und beschleunigen. Das ist der erfolgversprechendere Weg.

Für die Anpassung an den Klimawandel wird es mehr Geld geben. Das ist doch eine große Verlockung, oder?

Eine amerikanische Firma hat einen Reis entwickelt, der weniger Stickstoffdünger verbraucht und bei dessen Anbau damit weniger Treibhausgase entstehen sollen. Dafür will diese Firma Mittel aus dem sogenannten Saubere-Entwicklung-Mechanismus (CDM), mit dem Firmen in Entwicklungsländern Klimaschutzprojekte fördern können, um sich Emissionszertifikate gutschreiben zu lassen. Ich glaube, dass wir gerade beim CDM sehr vorsichtig sein müssen, was damit gefördert wird. Ich bin überzeugt davon, dass die Konzerne versuchen werden, sich ihre ungeliebte Technologie mit Klimaschutzgeld finanzieren zu lassen. Denn im Akquirieren von Geld sind sie ziemlich gut. Wenn für das Smart Breeding auch nur ein Bruchteil der Forschungsmittel fließen würde, die in die grüne Gentechnik investiert werden und wurden, wären wir schon viel weiter.

Ein anderer Absatzmarkt, auf den die Saatgutkonzerne hoffen, sind Biotreibstoffe. Schaffen sie so den Durchbruch?

Die Ankündigungen sind auch da weiter als die Praxis. Momentan gibt es keine entsprechenden Pflanzen auf dem Markt, und es ist auch nichts in Sichtweite. Es gibt zwar einen Riesenmais von der KWS Saat AG speziell für Biogasanlagen. Aber der ist eine konventionelle Züchtung mit Smart Breeding.

Frankreich hat den Gentech-Mais MON 810 gerade verboten. Was bedeutet das für Deutschland?

Der Druck auf Minister Seehofer wird steigen, dass der Genmais – der auch in Österreich, Polen und Ungarn verboten ist – hier nicht zur Aussaat freigegeben wird. Er hat sich an dem Punkt sehr widersprüchlich verhalten. Im vergangenen Jahr hat er, nachdem der Mais ausgesät war, den Anbau von MON 810 verboten. Seine Behörde argumentierte, dass es neue Erkenntnisse gebe, dass MON 810 negative Auswirkungen auf die Umwelt habe. Dann hat er das Verbot wieder aufgehoben. MON 810 hat auf EU-Ebene eine zehnjährige Genehmigung, die bald ausläuft. Die meisten Experten erwarten nicht, dass dieser Mais eine neue EU-Genehmigung bekommen wird, weil es viele Erkenntnisse gibt, die auf Probleme durch die Pflanze hinweisen. Es ist nicht nachvollziehbar, warum Seehofer 2005 als eine seiner ersten Amtshandlungen MON 810 überhaupt zugelassen hat. Seehofer fährt einen Zickzackkurs. Er unternimmt nur dann etwas gegen die Gentech-Industrie, wenn es dieser nicht schadet.

Einer solchen Politik sind aber international Grenzen gesetzt. Die USA haben die Welthandelsorganisation (WTO) angerufen, um die EU zu einer gentechfreundlicheren Haltung zu bewegen. Wie viele Handlungsmöglichkeiten hat die EU noch?

In den USA haben die meisten Genunternehmen ihren Sitz, und die USA setzen sich massiv für deren Interessen ein. Nachdem Seehofer 2007 vorübergehend MON 810 der amerikanischen Firma Monsanto verboten hatte, standen am nächsten Tag Vertreter der US-Botschaft im Kanzleramt auf der Matte. Ich hoffe, dass die EU ihren gentechnikkritischen Kurs beibehält. Unsere kleinräumige Landwirtschaft ist für diese Technologie nicht geeignet, weil ein Nebeneinander ohne negative Konsequenzen gar nicht garantiert werden kann. Mit Europa würde ein wichtiges Bollwerk gegen die grüne Gentechnik fallen und ihr tatsächlich zu einem weltweiten Durchbruch verhelfen. Ich hoffe darauf, dass die Nachteile der Gentechnik, je länger sie angewendet wird, deutlicher werden. Es gibt immer mehr Länder, die nach einer längeren Anwendung immer stärker die Nachteile sehen. Die EU wird versuchen müssen, diese Übergangszeit zu überbrücken, bis der Widerstand weltweit stärker wird.

Das Gespräch führte Dagmar Dehmer.

Bärbel Höhn (55) ist Fraktionsvize der

Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Von 1995 bis 2005 war sie Umwelt- und Landwirtschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen.

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