"Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen" : Pöbel-Affäre belastet Kanzleramtschef Pofalla

Die Verbalattacke des Merkel-Vertrauten Ronald Pofalla gegen den Abweichler Wolfgang Bosbach stößt auf Kritik in der Union.

von und Stephan Haselberger
Möglicherweise nicht so friedfertig wie es auf diesem Foto scheint: Kanzleramtsminister Pofalla.
Möglicherweise nicht so friedfertig wie es auf diesem Foto scheint: Kanzleramtsminister Pofalla.Foto: dapd

Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) hat sich kurz vor der Bundestagsentscheidung über die Erweiterung des Euro-Rettungsschirms EFSF eine veritable Entgleisung geleistet. Wie Teilnehmer am Wochenende bestätigten, ging Pofalla den CDU-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach nach einer Sitzung der NRW-Landesgruppe wegen dessen ablehnender Haltung zur EFSF- Erweiterung frontal an. Den übereinstimmenden Angaben zufolge sagte der Kanzleramtsminister beim Verlassen der nordrhein-westfälischen Landesvertretung am Montagabend: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“ Als Bosbach daraufhin in freundlichem Ton auf die in der Verfassung verankerte Gewissenfreiheit der Abgeordneten verwies, erwiderte Pofalla: „Ich kann den Scheiß nicht mehr hören.“

Bereits gegen Ende der Sitzung soll sich Pofalla abfällig über skeptische Abgeordnete ausgelassen haben. Angesprochen fühlte sich zunächst auch der Paderborner CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Linnemann. Teilnehmer berichten von einem Wortwechsel zwischen ihm und Pofalla. Linnemann habe sich die Vorwürfe verbeten. Nach Tagesspiegel–Informationen soll Pofalla daraufhin gesagt haben, seine Kritik gelte nicht Linnemann, sondern Bosbach

Pofalla war am Wochenende nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Bei seinem Fraktionskollegen Bosbach hatte sich der Kanzleramtsminister bereits am Tag nach dem Landesgruppen-Treffen per SMS entschuldigt, wie aus CDU-Kreisen verlautete. Bosbach sagte dem Tagesspiegel dazu: „Ronald Pofalla ist auf mich zugekommen, wir haben uns ausgesprochen, damit ist die Sache für mich erledigt.“ In der kommenden Woche werde er sich mit Pofalla im Kanzleramt zu einem „ruhigen Gespräch“ treffen.

In der Union stößt Pofallas harscher Ton gegenüber Euro-Skeptikern auf Kritik. Ohne Pofalla direkt zu nennen, mahnte die hessische CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach einen rücksichtsvolleren Umgang mit den sogenannten Abweichlern an: „Es ist eine Verwilderung der demokratischen Sitten, wenn andere Meinungen nicht mehr toleriert und respektiert werden“, sagte Steinbach dem Tagesspiegel. Die Koalition dürfe gerade wegen der in der Bevölkerung verbreiteten Skepsis gegenüber den Maßnahmen zur Euro-Rettung „nicht den Eindruck erwecken, dass Kritiker mundtot gemacht werden.“

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