Politik : „Ich könnte vor Glück schreien“

Muslimin freut sich über ein Urteil zur Kleiderordnung an britischen Schulen – aber es gibt auch Kritik

Matthias Thibaut[London]

Ein höchstrichterliches britisches Urteil im Streit um ein traditionelles Gewand für Musliminnen spaltet die Nation. Nach dem Spruch des britischen Berufungsgerichts vom Mittwoch sind multikulturelle Schulen im ganzen Land jetzt gezwungen, ihre Uniformvorschriften neu zu formulieren. Konservative Zeitungen wie die „Daily Mail“ werteten das Urteil als Attacke gegen „vernünftige Mäßigung“.

Was war geschehen? Die Denbigh High School in Luton im Norden von London verstieß gegen das in Artikel 9 der europäischen Menschenrechtskonvention verankerte Recht der 16-jährigen Schülerin Shabina Begum, ihre Religion zum Ausdruck zu bringen, so das Urteil von Lordrichter Henry Brooke.

Als Shabina zum Schulanfang 2002 im bodenlangen Muslimkleid (Dschilbab) erschien, wurde sie wieder nach Hause geschickt und aufgefordert, die mit der örtlichen Moschee abgesprochene Schuluniform anzuziehen: Kopftuch, Überkleid und Hosen – eine Tracht, die mit den Moscheenältesten und Imamen von Luton vereinbart war. Immerhin sind 80 Prozent der Schüler an der Oberschule Muslime, auch die Schuldirektorin Yasmin Bevan. Wie viele englische Schulleiter setzte auch diese Bengalesin auf die einigende Wirkung der Uniform.

Die europäische Menschenrechtskonvention, die nun die Grundlage für das umstrittene Urteil lieferte, wurde 1998 vom Unterhaus im britischen Recht verankert. Kommentatoren wunderten sich nach dem Urteilsspruch, wie unter dem gleichen Gesetz das Tragen der „Dschilbab“ in Großbritannien ein Menschenrecht, in Frankreich aber verboten sein kann. „Je früher diese katastrophalen Menschenrechtsgesetze wieder abgeschafft werden, desto eher kann die britische Justiz wieder ihren Kontakt mit dem gesunden Menschenverstand herstellen“, schrieb der „Daily Telegraph“.

„Ich könnte vor Glück schreien“, sagte Shabina unmittelbar nach Bekanntgabe des Urteils. „Vielleicht ein Sieg für die Menschenrechte, aber auch ein Sieg für den Fundamentalismus“, kommentierte hingegen Ghayasuddin Siddiqui, Präsident des selbst ernannten britischen „Muslimparlaments“. Ratlos war nur der Sprecher der britischen Schulrektoren, Martin Ward: „Das Urteil bestätigt das Recht der Schulen, eine Uniform vorzuschreiben und das Recht der Schüler, die Vorschrift zu missachten.“

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