Politik : „Ich tu’s mit Lust“

Gesine Schwans fröhliches Selbstbewusstsein soll auch auf die Partei abfärben, für die sie kandidiert

Stephan Haselberger,Hans Monath

Berlin - Die rechte Hand der frisch gekürten Präsidentenkandidatin ist weit zum Rednerpult von Kurt Beck hin ausgestreckt und bleibt eine Zehntelsekunde zu lang in der Luft. Eben ist Gesine Schwan mit der Frage konfrontiert worden, ob Kurt Beck denn ein guter SPD- Vorsitzender sei. Darf die Politikprofessorin sich anmaßen, dem Parteichef Noten zu erteilen? Ihr Arm ist immer noch ausgestreckt. Sie sagt: „Wie er so dasteht ...“, was keine klare Antwort ist. Sie scheint es zu merken. Da haut sie mit der eben noch ausgestreckten Hand auf ihr Rednerpult, sagt laut „Ja“ und lacht dazu. Die Spannung ist raus.

Es ist ein bezeichnender Moment in der Pressekonferenz mit Kurt Beck und Gesine Schwan am Montag im Willy- Brandt-Haus in Berlin: Der Parteichef gibt sich alle Mühe, sich als Herr eines Auswahlverfahrens zu präsentieren, das ihm in Wirklichkeit doch ganz entglitten war. Kurt Beck wollte kein riskantes Spiel, wollte lieber Horst Köhler bestätigen. Doch das Drängen Gesine Schwans war zu überzeugend, das Verlangen der Basis nach einem Signal der Eigenständigkeit zu stark, als dass er die Entwicklung noch hätte aufhalten können. Ihr Urteil, so scheint es, war mehr gefragt als seines.

Deshalb steht die Kandidatin nun im knallroten Kostüm neben Kurt Beck auf der Bühne, freut sich, lacht viel, redet schnell und zeigt aller Welt, dass sie ein Ziel hat: das Schloss Bellevue und eine debattenfreudige Bundespräsidentin, die nicht nur repräsentieren, sondern sich einmischen und der politischen Republik jenes Debattieren wieder beibringen will, das sie für unerlässlich hält in einer lebendigen Demokratie.

Im SPD-Vorstand hatte Beck die Bewerberin so freudestrahlend präsentiert, als handele es sich um eine Pfälzer Weinkönigin. Ein Vorstandsmitglied spottete später, man hätte fast meinen können, Schwans Kandidatur sei Becks ureigenste Idee gewesen und nicht das Ergebnis einer parteiinternen Kampagne, an der sich Netzwerker, SPD-Linke und nicht zuletzt die Professorin selbst beteiligt hatten.

Auch die beiden Spitzengenossen Fraktionschef Peter Struck und Finanzminister Peer Steinbrück klatschten im Vorstand kräftig mit. Beiden war das Risiko einer eigenen Kandidatur bis vor kurzem noch viel zu groß gewesen. Dass eine Bewerberin der SPD vier Monate vor der Bundestagswahl auf die Stimmen der Linken angewiesen sein würde, hatten sie für das falsche Signal zur falschen Zeit gehalten.

Schwan ging in ihrer Rede im SPD- Vorstand auf die Vorbehalte ein. Für die SPD eröffne ihre Kandidatur große Chancen, sagte sie nach Berichten von Teilnehmern. Die Risiken wolle sie so gering wie möglich halten. Zugleich kündigte sie an, sich auch weiterhin kritisch mit der Linkspartei auseinanderzusetzen. Aus den Reihen des Vorstands gab es keine kritische Wortmeldung. Der niedersächsische Landeschef Garrelt Duin plädierte aber dafür, die Rolle der Linkspartei bei der Wahl Schwans nicht selbst zum Thema zu machen. Ein Ratschlag, den die Professorin später vor der Presse lächelnd in den Wind schlägt.

Den Streit innerhalb der SPD über ihr Antreten redet sie dort, anders als Beck, nicht klein. Sie gewinnt ihm einfach gute Seiten ab. Eine Partei, die nicht diskutiere, sondern blind der von der Führung vorgegebenen Linie folge, sei der Demokratie nicht zuträglich, sagt sie.

Die heiklen Punkte benennt sie offen: „Ein gewisses Wagnis“ gingen die Partei und sie persönlich mit der Kandidatur ein. Aber das müsse man in der Politik immer: „Demokratie braucht Mut.“ Dass sie abhängig ist von den Stimmen der Linkspartei, leugnet sie nicht. Sie wirbt offen um deren Stimmen.

Ein Signal für spätere Koalitionen will sie darin so wenig sehen wie der SPD- Chef. Denn es mache einen Unterschied, ob mit diesen Stimmen ein Staatsoberhaupt oder ein Kanzler gewählt werde, der dauerhaft auf den neuen Partner angewiesen bleibe: „Ein Bundespräsident oder eine Bundespräsidentin wird in ihr Amt gewählt und muss dann null Koalitionen bilden.“

Jedenfalls klingt ihre Versicherung, sie freue sich auf spannende Debatten bis zum Mai kommenden Jahres, am Montag recht überzeugend. „Ich tu’s mit Lust“, sagt sie.

Auch wenn diese kaum zu übersehende politische Lust von Gesine Schwan manchen in der SPD-Spitze anfangs sehr unheimlich war: Inzwischen hoffen die Führungsleute der Partei sehr darauf, dass vom fröhlichen Selbstbewusstsein der Professorin in der politischen Auseinandersetzung der kommenden zwölf Monaten ein wenig auf die SPD abstrahlt.

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