Politik : „Ich war ein seltsamer revolutionärer Irrtum“

Der Prager Präsident Vaclav Havel über verpasste Gelegenheiten, Antiamerikanismus – und die Freuden des Ruhestands

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In wenigen Tagen verlassen Sie dieses Amtszimmer auf der Prager Burg, das dreizehn Jahre lang Mittelpunkt Ihrer Arbeit war. Was würden Sie gerne mitnehmen?

(Schaut sich um: der Designerschreibtisch mit dem Bücherregal, viele Blumengestecke, die Barockstühle und der polierte Tisch, auf dem eine Kerze brennt, für Besucher. Hinter ihm der Porzellanofen und die historische Böhmenkarte, links Wandmalereien: ein Pierrot und eine Tänzerin mit schwarzer Augenbinde und einer roten Eule im Arm, die ein Rotweinglas hält.)

Meine privaten Dinge nehme ich in mein künftiges Büro mit. Dieses Zimmer ist nach meinen persönlichen Wünschen gestaltet worden, und ich möchte meinem Nachfolger nicht meinen Geschmack aufzwingen. Den Schreibtisch von Borek Sipek hätte ich gerne in meinem Landhaus. Die Wandmalereien sind auf meinen Wunsch entstanden, aber die kann man ja nicht mitnehmen.

Im Januar 1990 ging Ihre erste Reise als Präsident nach Deutschland, nach München. Und an diesem Freitag auch Ihre letzte, nach Berlin (abgesehen von einem Abstecher in die Slowakei). Wie ist die Bilanz der Beziehungen?

Für die Einladung zum Abschiedsbesuch in Deutschland bin ich dankbar. In den dreizehn Jahren konnten wir vieles in unserem Verhältnis klären. Es gibt den deutschtschechischen Zukunftsfonds, die Unternehmenstätigkeit hat stark zugenommen, die regionale Zusammenarbeit wächst. Über Themen, die früher tabu waren, können wir heute offen reden – was nicht heißt, dass alles zwischen uns geklärt oder gelöst wäre.

Dennoch, die deutsch-tschechischen Beziehungen haben sich nicht so dynamisch und herzlich entwickelt wie die deutsch-französischen nach dem Krieg oder die deutsch-polnischen nach 1989. Warum?

Andere Zeiten, andere Bedingungen. Die Versöhnung zwischen Westdeutschland und Frankreich war für ganz Europa von enormer Bedeutung, aber es war eine Versöhnung zwischen einer Siegermacht und einem besiegten Volk. In Polen war die Atmosphäre schon vor 1989 viel liberaler. Wir hatten nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts 1968 das konservativste kommunistische Regime im Ostblock. Polen hatte im Weltkrieg viel mehr Opfer zu beklagen. Ich habe Deutschland in den dreizehn Jahren meiner Amtszeit als aufrichtig proeuropäisches Land erlebt, als eine Triebkraft der europäischen Integration. Das war für mich besonders wichtig. Ohne diese Unterstützung wären wir bei der Einigung Europas nicht so weit gekommen.

Sie haben die Vertreibung der Sudetendeutschen mehrfach bedauert und zu Beginn Ihrer ersten Amtszeit sogar eine doppelte Staatsbürgerschaft für Vertriebene angeregt, was Ihnen viel innenpolitischen Ärger eintrug. Hat es von deutscher Seite ähnlich mutige Gesten gegeben, oder haben die Ihnen gefehlt?

Wie schön, dass Sie sich daran noch erinnern. Ich dachte, das sei längst vergessen. Die tschechoslowakische Exilregierung hat das Münchener Abkommen von 1938 nie anerkannt und auf staatlicher Kontinuität bestanden. Folglich waren alle, die 1938 tschechoslowakische Staatsbürger waren, es auch noch im Mai 1945. Später jedoch sollten diese Menschen zum Teil keine mehr sein – aufgrund eines Dekrets von Präsident Benes. Dieses Paradox wollten wir nutzen und den Vertriebenen die doppelte Staatsbürgerschaft anbieten, was allerdings auch eine Änderung des deutschen Staatsbürgerrechts nötig gemacht hätte. Als tschechoslowakische Staatsbürger hätten diese Menschen sich an der Coupon-Privatisierung (dem tschechischen Modell für Restitution und Privatisierung verstaatlichten Eigentums durch Anteilscheine; die Red.) beteiligen und enteigneten Besitz zurückerhalten können, eine Art Entschädigung. Heute lässt sich das nicht mehr nachholen.

Waren Sie enttäuscht über die Reaktion?

Warum die Regierung Kohl darauf nicht einging, ist mir bis heute nicht ganz klar. Als ich die Idee Bundespräsident von Weizsäcker 1991 vortrug, fand er sie sehr interessant und telefonierte gleich mit Kanzler Kohl. Auch der nannte sie interessant, später habe ich von ihm nie mehr etwas darüber gehört. Vielleicht kam der Vorschlag zu überraschend. Vielleicht gab es zu viele Menschen, die das klare Freund-Feind-Bild nicht aufgeben wollten. Das soll kein Vorwurf an Helmut Kohl sein, wir sind ihm für seine historische Rolle dankbar, die man vielleicht erst Jahre später voll würdigen kann.

Was sollte die deutsche Seite jetzt tun?

Die Zeit der großen Gesten ist vorbei, der Eiserne Vorhang beseitigt, der Kontinent neu gestaltet. Jetzt sind wir in einer neuen Phase täglicher Kleinarbeit. Da muss man weitermachen.

Von den großen Revolutionären von 1989 – der Pole Lech Walesa, der „bulgarische Havel“ Schelju Schelew, der Ungar Arpad Göncz – sind Sie als Einziger noch im Amt …

(lacht):… nicht mehr lange …

… wie nah sind wir an dem Europa, das Sie sich damals erträumt haben?

Die Grundrichtung ist dieselbe geblieben. Aber die einzelnen Schritte waren komplizierter und langwieriger, als wir das damals ahnten. Ich war ein Träumer und zugleich viel realistischer als die meisten Mitbürger.

„In der Wahrheit leben“ – wann war das einfacher: als Dissident im Kommunismus oder als Präsident in der Demokratie mit ihren Mühen der Ebene und der täglichen Kleinarbeit?

Auch als Präsident musste ich nie lügen, mich nur manchmal etwas vorsichtiger, diplomatischer äußern oder durfte manchmal nicht alles preisgeben, was ich wusste. Ich konnte nicht öffentlich sagen, dass ein bestimmter Politiker ein Dummkopf ist. Der Buchtitel stammt im Übrigen nicht von mir, sondern von meinem Verleger. Wenn ich gewusst hätte, wie oft ich danach gefragt werde, hätte ich vielleicht auf einem anderen bestanden.

Spielt Europa heute die Rolle, die Sie erhofft haben, oder hat Amerika zu viel Einfluss?

Das transatlantische Verhältnis ist ungeheuer wichtig. Europa verdankt Amerika sehr viel. Aber es sind zwei Welten, die beide in der Lage sein müssen, nach ihren Vorstellungen zu leben und zusammenzuarbeiten. Mich stören die emotionsgeladenen antiamerikanischen Töne, die weder Hand noch Fuß haben. Als seien die USA Schuld an den weltweiten Problemen unserer Zivilisation, die wir doch alle gemeinsam verursacht haben, von Hongkong bis Berlin. Die Welt wird globalisiert, die Schuld ethnisiert – als wäre die supranationale Gesellschaft eine rein amerikanische Erfindung.

Was bringen die mitteleuropäischen Neumitglieder in dieses Europa ein?

Unsere Erfahrungen mit totalitären Systemen. Die müssen wir intensiver beschreiben. Sie fehlt Ländern, die seit Jahrzehnten in der Demokratie leben. Das Teuflische am totalitären Staat ist, dass er jeden mit hineinzieht. Wir sind sensibler für die Bedrohung der freien Gesellschaft, unsere kleinen Staaten waren öfter in Gefahr.

Was ist der größte Erfolg Ihrer Amtszeit?

Der Beitritt zur Nato und, demnächst, zur EU. Als Schritt zur Vollendung eines Europa, das auf seine westliche Hälfte reduziert war. Das reklamiere ich nicht als persönlichen Erfolg, sondern als Erfolg der ganzen Gesellschaft. Vielleicht haben wir auch dazu beitragen können, dass andere Völker beitreten, hinter denen größere Fragezeichen standen.

Ihre größte private Niederlage, haben Sie im Interview mit dem Magazin „Respekt“ gesagt, sei der Tod Ihrer ersten Frau Olga gewesen. Und politisch die Teilung der Tschechoslowakei, weshalb Sie 1992 als Präsident zurücktraten. Gibt es weitere große Enttäuschungen?

Ich hatte meinen Eid auf die gemeinsame Verfassung geleistet und erlebte die Trennung sehr intensiv. Ich hatte mir mindestens eine Volksabstimmung darüber gewünscht. Historisch gesehen war die Teilung aber kein Unglück. Mit der Zeit treten ihre guten Seiten deutlicher hervor. Beide Völker mussten ihre Identität, ihre internationale Stellung und ihre Beziehungen zueinander klarer definieren. Das hat sie weiter gebracht, als wenn sie in der Föderation geblieben wären und sich über Kompetenzen gestritten hätten.

Was ist die Hauptaufgabe Ihres Nachfolgers?

Der hat es gut: Er ist der Erste, der in einer funktionierenden Demokratie Präsident wird. Ich war ein seltsamer revolutionärer Irrtum. Jetzt kommt Normalität.

Bedeutet der Abschied aus der Politik die Rückkehr zur Literatur? Haben Sie gar ein neues Werk in Ihrem schönen Schreibtisch?

Als Präsident habe ich mehr geschrieben als je zuvor: alle meine Reden. Diese Last werde ich los. Ein geheimes Manuskript gibt es nicht. Wenn mir eine Idee kommt, werde ich schreiben, wenn nicht, dann nicht. Ich freue mich auf die Freiheit. Ohne Verpflichtungen.

Nicht einmal Vermittlerdienste, wie Jimmy Carter?

Den öffentlichen Raum werde ich nicht völlig verlassen, das entspricht auch nicht meinem Charakter. Für die allernächste Zeit möchte ich mich zurückziehen, lesen, nachdenken, vielleicht etwas schreiben. Was nicht ausschließt, dass ich später solche Aufgaben übernehme. Aber nur in Einzelfällen. Ein Amt strebe ich nicht mehr an.

Das Interview führten Christoph von Marschall und Wolfgang Jung.

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