Politik : „Ich werde den Russen nie verzeihen“

Georgiens zurückgetretener Präsident Schewardnadse über seine Entmachtung, Fehler – und Verrat

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Vor einer Woche sind Sie als Präsident Georgiens zurückgetreten, sind Sie auch ein wenig erleichtert?

Nein, sicherlich nicht. Ich bin auch nur ein Mensch mit Nerven und Gefühlen.

Hatten Sie schon Zeit, Bilanz zu ziehen, über Fehler nachzudenken?

Nun, ich würde es Fehler und unvollendete Aufgaben nennen. Schlimm ist, dass Georgien während meiner Amtszeit das Abgleiten der Regionen Abchasien und Südossetien in die Autonomie erleben musste. Zu meinen Fehlern gehört sicher, dass ich die Staatsbetriebe zu schnell privatisiert habe.

Bei Ihrem Rücktritt hat Oppositionsführer Michail Saakaschwili gesagt, Sie sollten der Regierung in Zukunft als Berater zur Seite stehen. Haben Sie damit schon angefangen?

Wenn man so will, ja: Einen Rat habe ich Saakaschwili und Staatsminister Surab Schwanija gleich in der Unterredung gegeben, nach der ich meinen Rücktritt bekannt gab. Sie sollten nicht gleich mit der Säuberung verschiedener Posten anfangen – sie könnten sich irren. Immerhin sitzen auf diesen Posten erfahrene Profis.

In ihrem Buch „Die Zukunft gehört der Freiheit“ schreiben Sie, dass während Ihrer Zeit als KPdSU-Parteichef Georgiens in den Siebzigerjahren Korruption zu den größten Übeln des Landes gehörten. Warum hat sich daran dreißig Jahre später nichts geändert?

Als ich 1992 georgischer Staatschef wurde, musste ich erst den Bürgerkrieg beenden. Außerdem ging es darum, Georgien als unabhängigen Staat in der internationalen Gemeinschaft zu etablieren. Sie dürfen nicht vergessen, dass dieses Land zuvor nur drei Jahre von rund 200 Jahren ein unabhängiger Staat war. Als Präsident des neuen Georgiens konnte ich erst vor etwa fünf Jahren damit beginnen, die Korruption zu bekämpfen. Dafür braucht man mehr Zeit, wenn man nicht vorgehen will wie mein Landsmann Stalin in der Sowjetunion: Er hat die Leute einfach erschießen lassen.

Auch Mitglieder Ihrer Familie sollen von der Korruption profitiert haben.

Das wird immer behauptet. Bewiesen hat es aber noch niemand.

Sind Sie mit Ihrer Arbeit zufrieden?

Ich bin mit meiner Arbeit als Außenminister der früheren Sowjetunion zufrieden, weniger mit meiner Arbeit als Georgiens Staatschef. Als Außenminister habe ich dazu beigetragen, den Kalten Krieg zu beenden. Mit meiner Politik habe ich auch die Grundlage für die deutsche Vereinigung geschaffen, an der ich mitgearbeitet habe. Als Präsident Georgiens habe ich mich an der Demokratisierung der früheren Sowjetunion beteiligt.

Woran merken das die Georgier?

An der Pressefreiheit zum Beispiel. Es gibt in Georgien unabhängige Medien, die jeden Tag ihren Präsidenten kritisieren konnten.

Die letzten Wahlen waren nicht sehr demokratisch.

Es gab einige Pannen.

Sie führten dazu, dass Vertreter der Opposition das Parlament stürmten. Wenige Stunden später traf der russische Außenminister Igor Iwanow ein. Welche Rolle hat er bei Ihrem Rücktritt gespielt?

Er war nur ein Vermittler. Entscheidend für Russland ist ein stabiles Georgien, weil ein instabiles Georgien die ganze Region gefährdet.

Haben sich Ihre Beziehungen zu Russland in dieser Zeit verbessert?

So würde ich das nicht ausdrücken. Fest steht aber, dass Russlands Präsident Wladimir Putin mich früh anrief und fragte, wie er mich unterstützen kann. Das war eine Hilfe.

Aber ist die Geschichte Georgiens nicht auch eine Geschichte des russischen Verrats?

Das habe ich am eigenen Leibe erfahren. Wir haben die Gebiete Südossetien und Abchasien verloren, weil die Russen die separatistischen Bewegungen unterstützten. Die Russen haben mich damals im Stich gelassen. Das werde ich ihnen nie verzeihen.

Der amerikanische Botschafter in Tiflis hat sich kritisch über den Ablauf der Wahl geäußert. Warum haben sich die Amerikaner von Ihrer Politik distanziert?

Die USA haben sich nicht von mir distanziert. Amerika ist ein großes Land mit zwei Parteien und vielen Menschen. Da gibt es Leute wie diesen Geschäftsmann George Soros. Er hat die studentische Bewegung Kmara organisiert, die dazu beitragen sollte, meine Regierung zu stürzen. Ich hätte ihn gerne aus dem Land geworfen, wenn er nicht mit seinen Stipendien viele Studenten unterstützen würde. Soros ist aber nicht der Präsident, er vertritt nicht die Regierung der Vereinigten Staaten.

Aber auch Ihr Verhältnis zur US-Regierung war gespannt, nachdem der frühere Außenminister James Baker im Auftrag von US-Präsdent George W. Bush ihr Land besucht hatte.

Baker und ich sind seit vielen Jahren Freunde. Zuletzt jedoch kam er, um dem georgischen Präsidenten als Vertreter Washingtons Anweisungen zu erteilen. Das war sein Fehler. Vor einigen Tagen rief er an. Ich habe nicht mit ihm gesprochen, aber ich werde ihm irgendwann schreiben.

Wie sehen Sie die Zukunft Georgiens?

Ich hoffe, dass es nicht wieder zu einem Bürgerkrieg kommt.

Und wo werden Sie leben?

Zunächst einmal in Georgien.

Ihr Wohnsitz gehört dem Staat. Werden Sie dort bleiben können?

Bisher sieht es so aus, aber die Frage ist noch nicht abschließend geklärt.

Denken Sie daran, später nach Deutschland umzuziehen?

Darüber möchte ich jetzt noch nicht sprechen. Erst einmal braucht mich mein Land.

Das Interview führte Vanessa Liertz.

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