Ideen gefragt : Zentralrat der Juden demontiert sich ohne Plan

Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats, wird gerade äußerst stillos demontiert. Der Zentralrat beschädigt sich damit selbst.

von
321792_0_0ce1765d.jpg
Mobbing gegen Präsidentin Charlotte Knobloch vermutet Michel Friedman. Foto: dpadpa

BerlinBerlin - Im politischen Geschäft kommt es nicht nur darauf an, was einer sagt, sondern auch, was er nicht sagt. Im Zentralrat der Juden in Deutschland sagen im Moment viele vieles und einige gar nichts. Zählt man alles zusammen, so steht fest: Erstens: Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats, wird gerade äußerst stillos demontiert. Zweitens: Der Zentralrat beschädigt sich damit selbst.

Was ist geschehen? Einige aus dem Zentralrat haben verbreitet, Charlotte Knobloch wolle nicht mehr für eine zweite Amtszeit als Präsidentin kandidieren. Knobloch überraschte diese Nachricht. Ihre Stellvertreter Salomon Korn und Dieter Graumann aus Frankfurt am Main schweigen dazu, statt ihr den Rücken zu stärken. Auch Generalsekretär Stephan Kramer schweigt.

„Ich bin außerordentlich beunruhigt über das menschlich unwürdige und politisch selbzerstörerische Mobbing im Zentralrat“, kommentiert der Publizist Michel Friedman den Vorgang, der früher selbst Zentralrats-Vize war. An diesem Sonntag tagt das Direktorium des Zentralrats, das Gremium der Landesverbände und großen Gemeinden. Knobloch soll sich erklären. Aber was sie auch sagen wird, eigentlich ist ihre Amtszeit jetzt zu Ende – auch wenn die Neuwahl erst im November stattfindet.

Wer hat ein Interesse daran, dass der Zentralrat acht Monate faktisch ohne Spitze ist? Wer hat den Anstoß zur Demontage gegeben? Knoblochs Kritiker sagen, sie sei überfordert mit dem Amt, sie habe zu oft Absprachen im Präsidium ignoriert, etwa als sie am 9. November 2009 erklärte, die jüdische Gemeinschaft könne nicht in die Freude über den Mauerfall einstimmen. Als sie dann auch noch Außenminister Guido Westerwelle nach Israel begleitet hat, sei das Fass übergelaufen. „Den Vertreter der Möllemann-Partei umarmen, ohne eine politische Gegenleistung zu erhalten, das geht nicht“, sagt einer aus dem Zentralrat. Knoblochs Verteidiger verweisen auf die Alleingänge von Generalsekretär Stephan Kramer, der sich für einen Hitler-Vergleich zuletzt bei Thilo Sarrazin entschuldigen musste. Auch hätten ihre Stellvertreter Korn und Graumann sie von Anfang an nicht ernst genommen. In der Tat, richtig gut lief es schon bei der ersten Pressekonferenz des neu gewählten Teams im Juni 2006 nicht. Wenn Knobloch etwas sagte, wurde sie prompt von ihren Stellvertretern korrigiert mit dem Satz „Was Frau Knobloch eigentlich sagen wollte...“ Respekt sieht anders aus.

Knoblochs Nachfolger wird wohl ihr jetziger Vize Dieter Graumann werden. Charlotte Knobloch ist 77 Jahre alt, Graumann 60. Mit ihm käme zum ersten Mal einer der „Spätgeborenen“ an die Spitze des Zentralrats. Er kann die Erinnerung an den Holocaust nicht mehr mit der eigenen Lebensgeschichte untermauern. Das Gewicht des Holocaust als identitätsstiftendes Moment für die jüdische Gemeinschaft wird vielleicht abnehmen. „Dass es mit Graumann eine grundlegende Neuausrichtung der Arbeit geben wird, bezweifle ich“, sagt der 34-jährige Sergey Lagodinsky, Mitglied im Präsidium der Jüdischen Gemeinde Berlin. Auch als Vizepräsident könne Graumann gesellschaftspolitische Debatten anstoßen, wenn er will, sagt Lagodinsky. Bislang habe man von Graumann aber nichts gehört.

Viele der jüngeren Generation wünschen sich, dass das Gremium seine Arbeit nicht aufs Mahnen und Erinnern beschränkt, sondern auch die alltäglichen Probleme der rund 110 000 Mitglieder in den jüdischen Gemeinden in den Blick nimmt. Drei Viertel von ihnen sind in den vergangenen 20 Jahren aus den ehemaligen GUS-Staaten eingewandert. Die Jüngeren unter ihnen tun sich schwer mit der Arbeitssuche, die Älteren damit, als Renter auf Sozialhilfeniveau zu leben. „Diese Probleme sind den Leuten im Präsidium des Zentralrats fremd“, sagt Lagodinsky. Denn im Zentralrat wie in vielen westdeutschen Gemeinden hätten nach wie vor die Alteingesessenen das Sagen, und die seien eben meist gut situiert.

Andere wünschen sich eine Öffnung für alle religiösen und weniger religiösen Strömungen, die mit den Zugewanderten nach Deutschland gekommen sind. Dass auch diejenigen willkommen sind, die einen jüdischen Vater haben. Für gesetzestreue Juden gilt nur als Jude, wer von einer jüdischen Mutter abstammt. Rund 100 000 Eingewanderte sind deshalb bislang aus den Gemeinden ausgeschlossen. „Der Zentralrat ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Kirchen“, sagt einer. „Wir sollten uns wie die Kirchen in ethische Debatten einmischen, in Fragen von Krieg und Frieden.“

Für einen wirklichen Neuanfang fehlt allerdings das Personal. Die Kinder und Enkel der meist sehr bildungsbewussten Zuwanderer, die intellektuell in der Lage sein werden, aus dem Gremium wieder eine gesellschaftlich relevante Institution zu machen, sitzen noch in den Schulbänken oder studieren. Der Bundesverband Jüdischer Studierender fühlt sich vom Zentralrat ausgebremst. Vermutlich wird es also, ob mit Charlotte Knobloch oder mit Dieter Graumann an der Spitze, im Zentralrat noch eine Weile weitergehen wie bisher.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben