Politik : IG Metall verliert massiv Mitglieder

50000 Austritte in sechs Monaten / Trotz der Führungskrise berät der Vorstand erst im September wieder

Alfons Frese

Berlin. Die IG Metall hat nicht nur mit ihrer Führungskrise zu kämpfen, sondern auch mit einem massiven Mitgliederschwund: Im ersten Halbjahr 2003 verlor sie so viele Mitglieder wie im Gesamtjahr 2002. Der Hauptkassierer der Gewerkschaft, Bertin Eichler, teilte dem Vorstand mit, dass rund 50000 Metaller in den ersten sechs Monaten ihr Gewerkschaftsbuch zurückgegeben hätten. Damit hat die IG Metall noch rund 2,6 Millionen Mitglieder. Mit weiteren Austritten wird gerechnet. Nachdem die Krisensitzung des Vorstands die Führungsfrage am Dienstag nicht löste, soll nun am 1. September ein neuer Versuch unternommen werden.

Im Mittelpunkt wird auch dann die künftige Rolle von IG-Metall-Vize Jürgen Peters stehen, der einen Rücktritt ablehnt.

Die Mitgliederentwicklung ist für die IG Metall verheerend, denn normalerweise gewinnt eine Gewerkschaft während eines Arbeitskampfes zusätzliche Anhänger. Im Juni streikte die IG Metall für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland. Nach dem verlorenen Arbeitskampf und auf Grund des zähen Machtkampfes an der Spitze wird nun in der Gewerkschaft befürchtet, dass mindestens weitere 50000 Mitglieder bis Ende des Jahres austreten. In ihren besten Zeit, unmittelbar nach der Vereinigung Anfang der neunziger Jahre, hatte die IG Metall 3,6 Millionen Mitglieder; damals waren rund 900000 aus dem Osten hinzugekommen.

Wie die künftige Führung aussehen wird, entscheidet voraussichtlich erst der Gewerkschaftstag im Oktober. Zwar wird der Vorstand Anfang September über die Nominierung eines Kandidaten für den ersten sowie den zweiten Vorsitz entscheiden. Es gilt aber als sicher, dass der umstrittene Jürgen Peters sich auch dann auf dem Gewerkschaftstag zur Wahl stellt, wenn er vom Vorstand nicht nominiert wird. Peters hatte am Dienstag während der 13-stündigen Krisensitzung abgelehnt, gemeinsam mit Gewerkschaftschef Klaus Zwickel zurückzutreten.

Auch ein anderer Vorschlag, der den gesamten Vorstand zum Rücktritt aufforderte, fand keine Mehrheit. Dagegen kündigte der Stuttgarter Bezirksleiter der IG Metall, Berthold Huber, an, nicht mehr für einen Vorstandsposten zur Verfügung zu stehen. Bislang sollten Peters und Huber im Oktober an die Spitze gewählt werden.

Nach dem Rückzug Hubers ist diese „Tandemlösung“ des Vorstands vom Tisch, sodass nun ein neues Personalpaket geschnürt werden muss. Dabei gibt es unterschiedliche Varianten. Das so genannte Peters-Lager könnte aus dem Huber-Lager einen Ersatzmann für Huber finden; in dem Fall wäre das Tandem wieder intakt und Peters könnte als erster Vorsitzender nominiert werden. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass sich jemand aus dem Huber-Lager mit Peters auf das Tandem setzen wird. Deshalb wird Zwickel eine Lösung ohne Peters suchen. Zwickel schlägt dem zehnköpfigen geschäftsführenden Vorstand und dann dem Gesamtvorstand sein Personaltableau zur Abstimmung vor. Da Zwickel Peters verhindern will, wird er einen neutralen Mann oder jemand aus dem Huber-Lager suchen. In Metallerkreisen nimmt man an, dass dies kaum jemand sein kann, der im bisherigen Ränkespiel um die Macht eine Rolle gespielt hat.

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