Politik : Ignatz Bubis zieht Bilanz: Ich habe fast nichts bewegt

BERLIN (Tsp). "Ich habe fast nichts bewegt." Mit diesen Worten hat der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, ein Resümee seiner siebenjährigen Amtszeit gezogen. Er deutete im Gespräch mit dem Magazin "Stern" an, einer Neubesetzung nicht im Wege stehen zu wollen. Mit Blick auf die Debatte um Holocaust-Mahnmal und Vergangenheitsaufarbeitung warf er der heutigen Politikergeneration vor, "auf eine sanfte Walser-Tour das Ganze zurückdrehen" zu wollen. Im öffentlichen Bewußtsein sei "die Verantwortung für Auschwitz nicht verankert".Mit bitteren Worten kommentierte der 72jährige Bubis sein Wirken: "Ich habe immer herausgestellt, daß ich deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bin. Ich wollte diese Ausgrenzerei, hier Deutsche, dort Juden, weghaben. Ich habe gedacht, vielleicht schaffst du es, daß die Menschen anders übereinander denken, anders miteinander umgehen." Die Mehrheit habe aber nicht kapiert, worum es ihm gegangen sei. "Wir sind fremd geblieben, sicher auch, weil sich die Juden in diesem Land teilweise selbst ausgrenzen." Er habe versucht, Vergangenheit und Zukunft zu verbinden, sagte Bubis. Doch habe er die Falschen aufzuklären versucht: "Ich hätte nicht die Schüler, sondern die Lehrer aufsuchen müssen."Nach seinen Worten wollte Bubis die Vergangenheitsorientierung seines Vorgängers im Amt des Zentralrats-Präsidenten, Heinz Galinski, überwinden. "Heute bin ich Galinski näher, auch was das Verbittertsein betrifft", sagte Bubis, der das Lager Tschenstochau überlebt hat und dessen Eltern von den Nazis umgebracht worden sind. Er wies den Gedanken zurück, er sei amtsmüde. "Sollte es allerdings jemanden geben, der einen breiten Konsens in der jüdischen Gemeinde findet, werde ich kein Hindernis sein."Enttäuscht und vorwurfsvoll äußerte sich Bubis über die regierende Politikergeneration. Kanzler Schröder habe nach der Debatte zwischen ihm und dem Schriftsteller Martin Walser gesagt, jetzt müsse das Berliner Holocaust-Mahnmal gebaut werden. "Das hört sich so an, als ob die Regierung den Bubis nicht im Regen stehenlassen könne. Dabei ist das kein Bubis-Mahnmal." Bundespräsident Roman Herzog habe damals von einem Mahnmal der Würde gesprochen, und einige Bundestagsabgeordnete hätten es auch so empfunden, "aber viele eben nicht". "Es war auch hier eine Schlußstrich-Debatte." Verärgert zeigte sich Bubis, weil sein Vorschlag, im Zuge der deutschen Einheit im Einigungsvertrag oder im Grundgesetz auf die Zeit des Nationalsozialismus und die Lehren für die Zukunft daraus zu verweisen, auf taube Ohren gestoßen sei, "bei Wolfgang Schäuble, aber auch bei der damaligen Opposition". Ein Großteil der Bevölkerung denke wie Walser: "Ende. Zeit, Schluß zu machen, nur noch nach vorne schauen." Das sei nicht immer böse Absicht, doch ohne den Blick zurück gehe es nicht. "Jeder in Deutschland fühlt sich verantwortlich für Schiller, für Goethe und für Beethoven, aber keiner für Himmler."Bubis sagte, obwohl er nicht strenggläubiger Jude sei, wolle er in Israel beerdigt werden, "weil ich nicht will, daß mein Grab in die Luft gespengt wird - wie das von Heinz Galinski". Doch sagte Bubis auch: "Ich habe Israel 1951 zum ersten Male besucht. Ich kam mir dort irgendwie fremd vor. Ich kam zurück nach Berlin und Stuttgart - dort lebte ich damals - und war zu Hause."

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