Politik : Igors deutscher Freund - eine Annäherung über die Grenzen hinweg

Amory Burchardt

Oberleutnant Igor Rodionov und Leutnant Falko Dreher stehen Seite an Seite vor einem russischen Panzer am Ortsausgang von Malisevo. "Falko Dreher ist ein sehr interessanter Mensch und ein guter Freund", sagt der 30-jährige Rodionov etwas steif, aber treuherzig. Vor zwei Tagen waren die beiden bei einem alten Albaner zu Kaffee und Melone eingeladen. "Wir sind einfach hinter den Deutschen hergestolpert", erzählt Rodionov, "der alte Albaner hat gar nicht gemerkt, dass wir Russen sind."

Russisch-deutsche Waffenbrüderschaft im Kosovo, fast sechzig Jahre nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion: 3600 russische Soldaten sind hier stationiert und versehen ihren Dienst in deutscher Begleitung, genauso wie in britischer und französischer. Die Russen kontrollieren keine eigene Region, aber Soldaten wie Igor Rodionov sind hier, um das Vertrauen der kosovarischen Serben in die Kfor zu stärken. Zur albanischen Bevölkerung haben sie nicht das beste Verhältnis. Mitte Juni, als die ersten russischen Soldaten kamen, demonstrierten Albaner mit Slogans wie "Russen töteten uns". Sie glauben, dass russische Freischärler sich an Massakern serbischer paramilitärischer Einheiten beteiligt haben.

Igor Rodionov gibt sich gern neutral: "Wir sind gegenüber Serben und Albanern vollkommen leidenschaftslos", sagt er. "Wir hegen keine besonderen Sympathien." Dem Offizier ist es aber wichtig, offen mit den deutschen Kameraden und auch mit der Presse umzugehen. Deshalb hat er nichts dagegen, einen Satz, der durch das Geräusch eines vorbeifahrenden Wagens verschluckt wird, noch einmal zu wiederholen: "Selbstverständlich sind die Serben unseren Herzen näher." An die russische Beteiligung an Massakern gegen die albanische Bevölkerung glaubt Rodionov nicht. "Wo sind die Beweise?", fragt er. Aber für jeden Russen wolle er seine Hand nicht ins Feuer legen.

Als die Russen in Malisevo die ersten gemeinsamen Patrouillen mit den deutschen Kfor-Soldaten gingen, wurden sie mit Pfeifkonzerten empfangen. Igor Rodionov sagt: "Es sind die Dummen, die pfeifen. Ich habe sehr starke Nerven." Feldwebel Marcus Klöckner, der mit den Russen Panzer-Patrouille fährt, bestätigt: "Sie lassen es an sich abtropfen". Er glaubt, dass sich die albanische Bevölkerung an die Russen gewöhnen werde. Das sei ja der Sinn des gemeinsamen Einsatzes. "Wir halten regelmäßig an, um den Kontakt zur Bevölkerung aufzunehmen." Die Deutschen hätten dabei den Auftrag, den Albanern klarzumachen, dass die Russen genauso ihren Kfor-Auftrag erfüllen wie die westlichen Alliierten. Einzeln angesprochene Albaner, so Klöckner, reagierten auf diese behutsamen Annäherungsversuche stets "höflich". Wenn sie allerdings in Gruppen aufträten, "dann trauen sie sich was, dann pfeifen sie wieder."

Igor Rodionov sagt, die Gefühle der Bevölkerung gegenüber den Russen seien freundlicher geworden seit dem Beginn des Einsatzes. Und die Gefühle der Russen gegenüber den Albanern? Igor Rodionov geht der Text, den ihm die politisch korrekten Deutschen vermittelt haben, öfter mal mit dem durcheinander, was er sonst noch so denkt. "Man muss sich doch bloß umgucken. Die Felder hier liegen brach. Die Albaner handeln auf dem Markt, aber sie arbeiten nicht. Sie warten auf die deutschen Steuergelder." Und so gerne Rodionov von den "Panzern unserer Kumpels" schwärmt - er hat auch Bedenken. Dass die Nato gleich nach dem Beitritt des Nachbarlandes Polen begonnen habe, Serbien zu bombardieren, könne kein Zufall gewesen sein. Das sei ein Spiel mit "unberechenbaren militärischen Kräften".

Mit Serben in der Gegend hatten weder die deutschen Soldaten noch Igor Rodionov bislang Kontakt. Die Albaner auf dem Markt sagen, es habe in und um Malisevo auch nie Serben gegeben. Rodionov glaubt das nicht. "Das hier ist doch serbisches Land", sagt er und meint das Kosovo. "Ich sehe nur nicht, dass sie zurückkehren."

Igor Rodionov trägt sein nur "teilgeladenes" Gewehr auf dem Rücken, auf dem Kopf ein Barett, keinen Helm. Diesen lockeren "Dress-Code" hat er von den deutschen Soldaten übernommen, aber seine Faust in der Tasche ist geballt.

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