Politik : Ihr Traum von einer besseren Welt

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Von Jan Dirk Herbermann, Genf

Sie wollten das Los aller Kinder der Erde verbessern: mehr Schulen, mehr Essen, Kampf gegen Krankheiten, Schutz vor Gewalt. Gesunde, glückliche Mädchen und Jungen also. Ein Mammutprogramm, das die Teilnehmer des ersten Weltkindergipfels 1990 in 27 konkreten Zielen festschrieben. Doch es ging ziemlich schief. Nur bei sechs Vorgaben ist bisher ein messbarer Erfolg erzielt worden.

„Nicht aber, weil die anderen Ziele zu ehrgeizig oder weil sie technisch unerreichbar waren“, resümiert UN-Generalsekretär Kofi Annan zwölf Jahre später. „Zum großen Teil liegt es daran, dass die nötigen Gelder nicht geflossen sind." Vom kommenden Mittwoch bis Freitag wagen die Vereinten Nationen in New York einen zweiten Anlauf. Die UN-Generalversammlung steht drei Tage unter dem Motto: Kinder-Sondersitzung. Wieder wollen Politiker, UN-Beamte, Diplomaten und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen den 2,1 Milliarden Kindern der Welt durch „Aktionspläne“ zu einem besseren Leben verhelfen. Für ihre Altersgenossen streiten während des Gipfels rund 300 Kinderdelegierte.

Zum ersten Mal überhaupt werden Minderjährige aktiv an einer UN-Konferenz teilnehmen. „Wie sollen denn auch Entscheidungen über uns getroffen werden, wenn niemand hört, was wir wollen?“, fragt Claire Bradley, eine 17-jährige Vertreterin aus dem nordirischen Belfast.

Viele Kinder haben nie die Chance, für sich zu sprechen. Denn fast 11 Millionen Kinder sterben jedes Jahr, bevor sie ihren fünften Geburtstag begehen können. Die HIV/Aids-Seuche zerstört das Leben ganzer Generationen – und zwar doppelt. Mehr als zehn Millionen Kinder bis 18 Jahren hat das Killer-Virus befallen. Etwa genauso viele verwaiste Kinder beklagen den Aids-Tod ihrer Eltern. Allein in Afrika werden über eine Million Menschen von Malaria hingerafft, die Mehrzahl Kinder unter fünf Jahren und schwangere Frauen.

„Chronische Armut bleibt aber das größte Hindernis für Kinder, um ein würdiges Leben zu führen“, schreibt die UN in ihrem Lagebericht „Wir, die Kinder". Mehr als eine halbe Milliarde Kinder vegetieren in absoluter Armut, haben weniger als einen Dollar pro Tag.

Um ihr kärgliches Dasein erträglicher zu gestalten, müssen hunderte Millionen von Kindern unter teilweise unmenschlichen Bedingungen schuften – in Fabriken, in Bergwerken oder als Knechte auf dem Feld. Jedes Jahr fallen mehr als eine Million Kinder in die Hände von Menschenhändlern. Zu Sexsklaven abgerichtet, geben sie ihre Körper her, nur um zu überleben. Am härtesten trifft es Mädchen: So müssen sich immer mehr von ihnen auch als Kindersoldaten verdingen. Viele der kleinen Soldatinnen sterben nicht im Kampf. Sie werden oft zu Tode vergewaltigt – von Feind und Freund. Sexuelle Ausbeutung: Ein Thema, das auch bei einigen Vertretern der UN-Agenturen und Nichtregierungsorganisationen in New York für rote Köpfe sorgen dürfte. Denn noch immer wird der Missbrauch von Kindern durch Mitarbeiter von Hilfsagenturen in afrikanischen Flüchtlingscamps untersucht.

Zwar fordern UN-Chefs wie die Leiterin des Flüchtlingshilfswerks Carol Bellamy eine „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber den Tätern. Aber: Das Unheil, das die schamlosen Helfer angerichtet haben, wird die kleinen Flüchtlinge ein Leben lang verfolgen.

Bei den meisten Aktivisten des Kindergipfels herrscht Einigkeit: Klar definierte Ziele helfen. „Vorgaben wirken motivierend“, sagt Patricia Durrant, die Vertreterin Jamaikas bei der UN in New York und Vorsitzende des Vorbereitungsausschusses des Kindergipfels. „Wie sollen wir ohne eindeutige Ziele einen Fortschritt messen?" Voran ging es vor allem im Kampf gegen heimtückische Krankheiten wie die Kinderlähmung oder Masern. Das Augenlicht von Millionen Kindern konnte durch Behandlung gerettet werden.

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