Politik : Ihre Hoheit, die Luft

Von Gerd Appenzeller

-

Ob der Airbus A380 jemals auf einem Berliner Flughafen landen wird, ist ungewiss. An dem neuen Superflugzeug aus Europa liegt das nicht. Das fliegt seit gestern. Aber wird es im Umfeld der deutschen Hauptstadt jemals einen geeigneten Flughafen für diese Maschine geben? 2011, vielleicht. Oder auch nicht. Das klärt ein Gericht. Im Vergleich zu Europa ist Berlin eben ganz klein, in vielerlei Beziehung. Um groß zu werden in der Welt von Wirtschaft und Technologie muss man Willenskraft mitbringen, Fleiß, Selbstdisziplin, vor allem den Glauben an ein gemeinsames Ziel.

Auch wenn es angesichts des aktuellen Streits um die europäische Verfassung und über die Folgen der Osterweiterung der EU vor einem Jahr etwas abseitig klingt: Dieser Airbus, der gerade in den blauen Himmel Südfrankreichs aufstieg, ist das augenfälligste Symbol für die stürmische Entwicklung unseres alten Kontinentes. Der schlägt sich eben nicht nur mit Problemen wie Arbeitslosigkeit und Vergreisung herum. Die Franzosen, nicht die Deutschen, waren es, die vor mehr als drei Jahrzehnten begannen, dieses bequem gewordene Europa voranzutreiben: Sie zwangen ihm die Begeisterung für neue Technologien geradezu auf. Die Triebfeder war in erster Linie der Ehrgeiz Frankreichs, den übermächtigen USA Paroli zu bieten. Letztlich aber hat Frankreich durch diesen permanenten Druck Europa auf der Fortschrittsspur weit nach vorne gebracht. Hochgeschwindigkeitszüge, Weltraumtechnik, Luftfahrt – das sind drei der Technikfelder, auf denen EUStaaten heute im Weltmarkt in der ersten Reihe stehen.

Das Verhältnis zwischen den USA und Europa ist darüber bei aller Partnerschaft noch ambivalenter geworden, als es immer schon war. Washington garantierte die Sicherheit des Westteils unseres Kontinentes fast ein halbes Jahrhundert. Amerikas Präsidenten forderten von ihren Partnern auf der einen Seite unablässig eigene Anstrengungen im Verteidigungs- und Rüstungsbereich. Sie fordern eine EU-Erweiterung nach der anderen, um die instabilen Regionen Ost- und Südeuropas politisch einzubinden. Ohne Folgen konnte das nicht bleiben.

Dass sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks innerhalb der EU eigene militärische Strukturen entwickeln könnten, hat die USA andererseits immer mit Misstrauen erfüllt. Eigene Raumfahrt und selbstständige Luftfahrtindustrie Europas gehen ja auch mit militärischer Abkoppelung von Amerika einher oder erleichtern sie zumindest. Und wer selbst Hochtechnologie entwickelt, fällt nicht nur als Kunde aus, sondern wird zum Konkurrenten auf den erbittert umkämpften Weltmärkten. Airbus oder Boeing: Das ist ein Kampf um die Lufthoheit in vielerlei Beziehung. Natürlich hätten die Europäer diesen Kampf nicht ohne Subventionierung der neuen Industrien aufnehmen können. Das werfen ihnen die Amerikaner heute vor – und tun gleichzeitig Ähnliches, weil Boeing aus lukrativen Auftragspaketen der US-Streitkräfte und der Nasa großen Gewinn zieht.

Dennoch haben beide von diesem technologischen Wettlauf profitiert. Europa wurde nach außen selbstbewusster und nach innen kooperativer. Es hat sich aus der Abhängigkeit von der amerikanischen Industrie weitgehend befreien können. Amerika hingegen findet, wenn es um die Schaffung oder Sicherung stabiler Regionen auf dieser Welt geht, in Europa einen immer wichtigeren Partner. Der Glaube an ein gemeinsames Ziel kann einen weit bringen. Irgendwie sind wir damit doch wieder in Berlin.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben