Im Ausland : Im Ausland

Der große Mann hat blaue Augen, blonde Haare, eine Menge Kraft und einen Auftrag: Er muss Kinder retten – vor dem „Monster-Mohel“. Dieser fiese, blutrünstige Beschneidungsfachmann hat nämlich nichts anderes im Sinn, als sich mit dem Messer an den Kleinsten zu vergehen. Und nur der „Vorhaut-Mann“ kann ihn stoppen.

Klingt nach einer Erzählung aus der Nazizeit, ist aber ein Internet-Comic der Gegenwart. Vor einem Jahr versuchte damit eine Bürgerinitiative in San Francisco, ihren Kampf gegen „Männliche Genitalverstümmelung“ zu visualisieren und Mitstreiter zu gewinnen. Die Rechnung ging aber nur zum Teil auf. Zwar sammelten die Beschneidungsgegner mehr als 7000 Unterschriften für eine Volksabstimmung, ein Gericht kassierte allerdings den VerbotsVorstoß wegen seiner formalen Verfassungswidrigkeit. Der Bundesstaat Kalifornien unterband die dortige Debatte postwendend mit einem Gesetz, das regionale Verbote von Beschneidung untersagt. Doch die Gegner geben nicht auf. Einer der Wortführer hat nach eigenen Angaben bereits für 46 Bundesstaaten entsprechende Gesetzesvorschläge vorbereitet.

Nicht nur in den USA, sondern auch in einigen anderen Ländern wird schon seit Jahren vor allem über zwei religiös begründete Riten gestritten: die Beschneidung von männlichen Babys (bei Juden) und Jungs (bei Muslimen) sowie das Schächten von Tieren, also das Töten ohne Betäubung. Gerade in deutscher Nachbarschaft. Hier wie dort geht es immer um die Frage, was schwerer wiegt – das Recht auf Religionsfreiheit oder der Kinder- und Tierschutz?

In den Niederlanden zum Beispiel lehnte der Senat mit Zweidrittelmehrheit erst vor kurzem einen Entwurf der Tierschutzpartei ab, das Schächten zu verbieten. Das Parlament dagegen hatte dafür plädiert, die Praxis zu beenden. Der Konflikt war jedoch zuvor durch einen Kompromiss entschärft worden, der mithilfe muslimischer und jüdischer Fachleute zustande kam. Laut einer Vereinbarung muss das Tier 40 Sekunden nach dem Halsschnitt bewusstlos sein. Wenn nicht, wird es unter Betäubung getötet.

In Schweden ist man rigoroser. Dort ist das traditionelle Schächten schon seit 1933 untersagt. Alle Versuche von Juden und Muslimen, dies zu ändern, blieben bisher erfolglos. Koscher zu leben oder Halal-Produkte zu bekommen, kostet daher eine Menge Geld, denn sie müssen importiert werden. Besser haben es da Gläubige etwa in Spanien, Frankreich, Belgien und Großbritannien. Diese Staaten gestatten das Schächten.

Liberalität gegenüber uralten religiösen Gebräuchen – viele Länder sind stolz auf diese Haltung. Die Gläubigen wissen das zu schätzen. Doch gerade wenn es um die Beschneidung geht, steht das komplexe Verhältnis zwischen Kind, Eltern und Staat auf dem Prüfstand. Und manchmal mogelt man sich ein wenig um eine klare Entscheidung herum. In Frankreich herrscht beispielsweise pragmatisches Wegschauen. Die Entfernung der Vorhaut ohne medizinische Indikation steht zwar prinzipiell unter Strafe, aber zu Verurteilungen kommt es nicht. In Österreich wird die Praxis als „sozialadäquat“ akzeptiert. Strikt sind dagegen die Vorschriften in Schweden. Nach dem Gesetz dürfen Beschneidungen nur von Ärzten und unter Betäubung vorgenommen werden, bei Jungen unter zwei Monaten auch durch dazu von der schwedischen Gesundheitsbehörde speziell legitimierten Personen. Mit dieser Regelung haben sich alle Beteiligten, mehr oder weniger, inzwischen arrangiert.

Juden und Muslimen kann das nur recht sein. Aus langer Erfahrung wissen sie, dass der nächste Angriff auf das Schächten und die Beschneidung kommen wird. Und für sie steht fest: Ihre religiöse Freiheit steht damit auf dem Spiel. Da hilft oft nur eins – auf den Staat hoffen. Und darauf, dass einem der arische Vorhaut-Mann erspart bleibt.

Es wird viel geduldet und wenig geregelt. Viele Staaten sind stolz auf ihre Liberalität. Nur in Schweden sieht man alles etwas anders

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