Politik : Im Banne der Flut

Sachsen hat eine Menge aus dem Jahrhunderthochwasser vor fünf Jahren gelernt – doch wirksamer Schutz ist eine langwierige Sache

Matthias Schlegel[Dresden]

Es marschiert sich entspannt in diesem sauberen, geräumigen Tunnel. Nichts deutet darauf hin, dass von oben 40 Meter Beton und Schüttgut drücken, dass an der Seite 250 000 Kubikmeter Wasser anliegen – und das ist nur die „Pfütze“ vom Probestau in diesem riesigen Talkessel des Rückhaltebeckens Lauenstein im Osterzgebirge. Wenn das Becken voll ist, schmiegen sich fünf Millionen Kubikmeter Wasser an die mehr als 40 Meter hohe und 220 Meter lange Staumauer: Im Kontrollgang im Innern, an ihrer Sohle, ist davon nichts zu spüren.

Das Bauwerk ist erst im vergangenen Jahr fertig geworden. Beim Frühjahrshochwasser 2006 hat es seine erste Bewährungsprobe bestanden: Die Regenwassermassen, die aus dem Einzugsgebiet der Müglitz oben auf dem Erzgebirgskamm zusammenlaufen, werden hier gesammelt und dann kontrolliert, also wohldosiert, ins Tal der Müglitz hinunter geschickt. Dort liegen Orte, die im August 2002 deutschland- und europaweit traurige Berühmtheit erlangten: Glashütte, Schlottwitz, Weesenstein, Dohna. Das Jahrhunderthochwasser hatte diese Siedlungen verwüstet, viele Menschen obdachlos gemacht, hunderte Häuser zerstört, Straßen und Eisenbahnschienen weggerissen, Brücken durchbrochen. Was das Wasser nicht schaffte, erledigte das mitgeschleifte Treibgut.

Das Rückhaltebecken kam zu spät: Seit DDR-Zeiten als Trinkwasserreservoir geplant, Anfang der 90er Jahre wegen des um ewta dioe Hälfte zurückgegangenen Trinkwasserverbrauchs aufgeschoben und schließlich 1998 als Hochwasserschutzmaßnahmen wieder auf den Weg gebracht, wurde erst 2001 mit seinem Bau begonnen. Wäre es im August 2002 bereits in Betrieb gewesen, hätte es den von den Wassermassen geschleiften Gemeinden ihr Schicksal erspart.

Seit 2002 wird nirgendwo sonst in Deutschland so heftig über Hochwasserschutz diskutiert wie in Sachsen. Und nirgendwo ist in diesem Bereich seither so viel geplant und investiert worden wie in dem vom damaligen Hochwasser am schwersten betroffenen Bundesland. Dengibt es harsche Kritik, etwa vom World Wide Fund for Nature (WWF): Zwar sei man sich nach der Oderflut 1997 und erst recht nach der Elbeflut 2002 einig gewesen, den Flüssen wieder mehr Raum zu geben. Denn in den vergangenen Jahrzehnten sind etwa die Überschwemmungsflächen der Elbe durch Besiedlung, Flussbegradigungen und Eindeichungen auf kümmerliche 14 Prozent geschrumpft. Mit trotzigen Überschwemmungen gemahnt der Fluss die Menschen immer wieder daran, ihm diese Flächen zurückzugeben. Doch alle geplanten und bereits durchgeführten Deichrückverlegungen an der Elbe addieren sich laut WWF gerade einmal auf ein Prozent der einstigen Überflutungsflächen.

Sachsens Umweltminister Stanislaw Tillich (CDU) fühlt sich zu Unrecht angegriffen und verweist auf die geologischen Besonderheiten etwa im engen Tal der Sächsischen Schweiz oder auf die flussnahe historische Bebauung in der Dresdner Innenstadt. Dem Fluss mehr Raum zu geben sei „nicht überall machbar“. 13 Deichrückverlegungen sind geplant, aber erst eine ist realisiert. Das seien langwierige Vorhaben, sagt Tillich. „Da müssen Eigentumsrechte beachtet und gesetzliche Vorgaben eingehalten werden. Das kostet uns manchmal mehr Zeit als uns lieb ist.“ Bislang hat der Freistaat für Hochwsasserschutz 215 Millionen Euro ausgegeben, in den nächsten Jahren wird sich die Summe auf rund zwei Milliarden deutlich erhöhen. Es wurden Hochwassergefährdungsgebiete detailliert ausgewiesen, das Vorhersagesystem ausgebaut und Schutzbauten angelegt.

Den Bewohnern von Weesenstein, von Lauenstein rund 15 Kilometer Müglitzabwärts am Fuße des prachtvollen Schlosses gelegen, hätten ohnehin keine Deichrückverlegungen helfen können. In dem ebenso idyllischen wie engen Tal ist dafür kein Platz. Normalerweise führt die Müglitz, die bei Heidenau in die Elbe mündet, ein bis drei Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Am 13. August 2002 waren es etwa 350 Kubikmeter pro Sekunde, mehr als das hundertfache. Als die Flut vorüber war, mussten neun Häuser komplett abgerissen werden, von einigen war kaum etwas übrig geblieben.

Wo sie einst standen, verläuft jetzt das deutlich verbreiterte Bett der Müglitz. Die Gemeinde sieht heute schmucker denn je aus. Aber sie verlor im Hochwasser ihren Ortskern und die Schutzmaßnahmen vor einer neuen Katastrophe raubten ihr die Seele. Fünf Millionen Euro wurden hier verbaut, damit die Müglitz in der Ortslage 50 Prozent größere Abflüsse als bisher ableiten kann.

Ganz unten, im Elbtal, bezahlen die Dresdner immer wieder für die Sünden ihrer Vorfahren. Weil die Weißeritz im Jahr 1893 kurz vor ihrer Mündung in die Elbe einfach umgeleitet wurde, da man an ihrem alten Flussbett Häuser bauen wollte, rächte sie sich bei Hochwasser schon mal damit, dass sie an der Umleitungsstelle, am sogenannten Weißeritzknick, einfach in ihr altes Bett zurücklief. Sie überflutete dann Straßen und Keller, und im August 2002 auf ihrem alten Pfad sogar den Hauptbahnhof. Damit soll nun Schluss sein. Der Radius des Weißeritzknickes wurde von 80 auf 120 Meter erweitert, das Flussbett wird verbreitert und vertieft, die Brücken wurden angehoben. Der Knick kann nun doppelt so viel Wasser verkraften wie bisher.

An der historischen Innenstadt selbst profitieren die Dresdner allerdings von ihren Vorfahren. Die festungsähnliche Ufermauer an der Elbe entlang, mit ihrem Prachtabschnitt an der Brühlschen Terrasse, bietet ein im wahrsten Wortsinn ideales Fundament für weiter-, besser gesagt: höhergehende Maßnahmen. Auf die Ufermauer wird derzeit eine mit Sandstein verblendete Hochwasserschutzmauer aufgesetzt, deren obere Kante dem Höchstpegel vom August 2002 entspricht: 9,24 Meter. Im Extremfall kann dann innerhalb von wenigen Stunden auf diese Mauer noch ein mobiler Aufsatz von weiteren rund 50 Zentimetern Höhe installiert werden. Böschungen, mobile Verschlusselemente und Stahltore an den Durchgängen ergänzen das Hochwasserschutzsytem auf mehreren Kilometern Länge.

Dass Dresdner Zwinger und Semperoper wie 2002 unter Wasser stehen, dürfte erst dann wieder der Fall sein, wenn eine Flut mit mehr als HQ 100, wie die Experten sagen, droht – also mit einer größeren Wassermasse als ein statistisch alle 100 Jahre auftretendes Hochwasser.

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