Im BLICK : Neue Deutsche

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In dieser Woche hat das Statistische Bundesamt die jüngsten Zahlen zur Bevölkerung „mit Migrationshintergrund“ veröffentlicht. Nur wenige Kommastellen weniger als ein Fünftel der Menschen in Deutschland haben ihn demnach, 19,6 Prozent. Der „Migrationshintergrund“ ist erst seit ein paar Jahren eine statistische Größe. Als das Mikrozensusgesetz 2004 geändert wurde, schrieb der Gesetzgeber ein paar zusätzliche Aufgaben hinein. Aus den Antworten der Bürger auf die Fragen nach dem eigenen Geburtsland oder dem der Eltern und Großeltern können die Statistiker seitdem filtern, wer einen Migrationshintergrund hat. Und das heißt im Sinne des Gesetzes: Wer nach 1950 ins Gebiet der heutigen Bundesrepublik kam – auf diese Weise werden Vertriebene aus den früheren deutschen Gebieten in Polen, Tschechien und der früheren Sowjetunion nicht mitgerechnet – wer selbst oder wessen Eltern oder Großeltern nicht in Deutschland geboren wurden.

Im Mikrozensus von 2005 wurde das neue Verfahren zum ersten Mal angewandt und brachte gleich eine Überraschung. Während der Ausländeranteil bei knapp neun Prozent lag, stellte sich heraus, dass Deutschland in Wirklichkeit ethnisch mindestens doppelt so vielfältig ist wie die Ausländerstatistik nahelegte: Im Jahr 2005 lebten hier 5,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, seinerzeit ein Anteil an der Bevölkerung von 18,6 Prozent.

Dass „Migrationshintergrund“ inzwischen eine statistische Größe ist, ist aus mehreren Gründen gut: So entsteht ein realistischeres Bild darüber, wie deutsch Deutschland noch ist. Zudem liefert die Statistik Grunddaten für politisches Handeln. Wer weiß, dass der Migrantenanteil wächst, Menschen mit Migrationsgeschichte aber deutlich jünger und mehr als sechsmal so häufig wie ethnisch Deutsche ohne Schulabschluss bleiben, kann an dieser Stelle ansetzen – und später auch nachsehen, ob Lehrlingskampagnen, Schulreformen, Diversity Management die Zahlen verbessert haben.

Es gibt aber auch ernst zu nehmende Kritik am Kriterium. Viele Migranten wehren sich dagegen, noch 50 Jahre nach Einwanderung ihrer Großeltern als irgendwie Fremde abgestempelt zu sein. Und viele Wissenschaftler sehen ein Problem darin, dass das Etikett „Migrationshintergrund“ soziale Probleme ethnisiere und auch die Einwanderer selbst ermutige, sich als Türken oder Italiener statt als Mitglieder der deutschen Gesellschaft zu sehen. Die Essener Migrationssoziologin Ursula Boos-Nünning, die sich seit 40 Jahren mit dem Thema beschäftigt, hält das Kriterium dennoch für vorerst unverzichtbar – und sähe es gern geschärft durch eine Frage der Statistiker nach der Sprache, die die Leute zu Hause sprechen: „Es ist ein Mittel, soziale Ungleichheit sichtbar zu machen.“ Solange ein türkischer Name genüge, um eine Wohnung oder Arbeitsstelle nicht zu bekommen, müsse es auch Instrumente geben, dies zu erfassen.

Wobei es mit der Messung ausgerechnet auf dem womöglich wichtigsten Feld noch hakt: Die Bildungsstatistik arbeitet bisher mit der Unterteilung in „Bildungsinländer“ und „Bildungsausländer“. Bildungsinländer ist das Migrantenkind aber ebenso wie die bayerische Bauerntochter, nämlich jeder und jede, der den deutschen Schulparcours durchlaufen hat. Politik mit Zukunft lässt sich so noch nicht machen.

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