Politik : Im Dunkeln gelassen

Russlands Marine hat mit dem Einsatz des Mini-U-Boots im Pazifik offenbar gegen eigene Sicherheitsregeln verstoßen

Elke Windisch[Moskau]

Russlands Präsident Wladimir Putin besteht auf „strenger und sorgfältiger Untersuchung“ von Hergang und Ursachen für die Havarie des Tauchboots AS-28, das 76Stunden auf dem Grund des Pazifiks lag. Über erste Ergebnisse, die die Ermittler der Militärstaatsanwaltschaft in Petropawlowsk-Kamtschatka vorstellten, dürfte der Herr des Kremls nicht amüsiert sein. Fazit: Betriebsvorschriften und Dienstordnung wurden gleich in mehreren Fällen gröblichst missachtet.

So müssen Mini-U-Boote dieses Typs Vorräte an Sauerstoff, Trinkwasser und Proviant an Bord nehmen, die sie für mindestens 120 Stunden autark machen. Schon am Montag machte indes die Runde, dass die siebenköpfige Besatzung zum Zeitpunkt ihrer Rettung – 76 Stunden nach dem Kentern – trotz gedrosselter Sauerstoffzufuhr noch für ganze sechs Stunden Atemluft hatte. Während ihrer dreitägigen Gefangenschaft in der Tiefe, so berichteten die Geretteten, hätten sie mit drei bis vier Schluck Wasser auskommen müssen und buchstäblich jede Krume Schiffszwieback geteilt. Und das auch nur, weil die vorherige Besatzung Reste an Bord gelassen hatte.

Auch die Wärmeschutzkleidung, von der bei offiziellen Verlautbarungen angesichts einer Bordtemperatur von fünf bis sieben Grad stets die Rede war, ist offenbar ein PR-Märchen. In Wahrheit hatten alle sieben unter ihren Taucheranzügen nur Matrosenhemden und dünne Uniformhosen an. Laut Dienstvorschrift hätten sie mit dicken Wollpullovern und -socken, wattierten Hosen, und Handschuhen auslaufen müssen.

Die Befehlsgewalt an Bord hatte außerdem nicht Kommandant Wjatscheslaw Miloschewskij, sondern ein dienstälterer Offizier vom Divisionsstab. Inoffiziell gar, so die Fernost-Korrespondentin von Radio Liberty, hätte die Hunderte von Kilometern entfernte Leitstelle der Pazifikflotte das Tauchboot während der Unglücksfahrt dirigiert. Bei der schlechten Sicht in der Tiefe, wo sogar die Besatzung trotz Unterwasserscheinwerfer keine drei Meter weit sehen kann, höchst ungewöhnlich. Der Grund: Die Besatzung sollte eine Unterwasserantenne überprüfen, ein „Geheim-Objekt“. Daher lief sie – gegen die Instruktion – allein aus, und daher war auch das Planquadrat für Fischereifahrzeuge gesperrt. Das wussten offenbar auch die Besitzer des Fangnetzes, in dem sich der Antrieb des Tauchboots verfing. Wohlweislich meldeten sie den Verlust daher nicht – obwohl sie dazu verpflichtet sind, damit die Seekarten korrigiert werden können.

Es kommt noch dicker: Das Tauchboot, vor rund 40 Jahren projektiert, ist veraltet, MIR 1 und 2 aber, seine modernen Nachfolger, hat Russlands Seekriegsflotte langfristig für Unterwasseraufnahmen am Wrack der „Titanic“ verpachtet. Und von den zehn Schiffen, die Russlands Marine zur Rettung der AS-28 in Marsch setzte, hatten die meisten keine eigenen Tauchboote mit an Bord. Wozu auch? Die Marinetaucher-Gruppe auf der Pazifik-Insel „Russkij“ ist längst aufgelöst, der Rest ohne Tiefsee-Equipment. Russland will daher jetzt zwei britische Tauchroboter Scorpio ankaufen. Ihnen vor allen verdankt die Tauchboot-Besatzung ihre Rettung. Sie, so russische Konstrukteure, könnten Ebenbürtiges bauen, für das Projekt sei bisher jedoch kein Staatsauftrag eingegangen.

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