Politik : „Im Gefängnis wirst du zum Roboter“

Palästinensische Jugendliche sitzen oft hinter israelischen Gittern – und wissen nicht weiter

Tobias Asmuth[Ramallah]

Ein Held? Als Diya Shamasneh aus dem Gefängnis in Israel nach Hause in sein Dorf Azzun kam, da war er einer. Zumindest haben ihm das alle gesagt, die Mutter, die Brüder und die junge Schwester, die Freunde und sogar die Nachbarn auf der Straße. Ein Held sei er, so sagten sie, weil er für die Unabhängigkeit Palästinas mit seiner Freiheit bezahlt habe. Diya fühlte sich geehrt, aber wie ein Held fühlte er sich nicht. Er war nervös, aß kaum, schlief schlecht. Die Schule brach er ab, weil er sich nicht mehr konzentrieren konnte. Seine Tage waren leer. Er hatte keine Aufgabe, kein Ziel.

Diya Shamasneh war 15 Jahre alt, als er an einem Kontrollposten der israelischen Armee festgenommen wurde. Sein Name stand auf einer Liste mit den Namen anderer Jugendlicher. Er soll bei Demonstrationen Steine auf israelische Soldaten geworfen haben, was er bestritt. Sein Urteil lautete acht Monate Haft. „Im Gefängnis funktionierst du wie ein Roboter“, sagt Diya. Er hatte nicht mehr nur einen Namen, sondern auch eine Nummer. Jeden Tag gab es Zählappelle: um sechs und neun Uhr morgens, noch einmal mittags und wieder abends um neun; sieben Tage die Woche. Dazwischen hätten sie lesen oder fernsehen, manchmal im Hof Fußball spielen können. Ein paar Jungen hätten gezeichnet. Diya zeigt auf die Wand im Wohnzimmer des Hauses seiner Mutter. Dort neben einem Fähnchen des FC Barcelona hängt ein Bild, auf dem eine Hand eine Rose hält. Darüber steht „Für die Menschen, die ich liebe“. Sein älterer Bruder hat das Bild gemalt, erzählt Diya. Auch er saß im Gefängnis in Israel. „Im Gefängnis sehnst du dich nach deiner Familie. Du willst frei sein. Aber draußen merkst du, dass sich dein Leben total geändert hat.“ Er fühle sich jetzt aber wieder besser, und der Grund dafür sei der Foto-Workshop von Khaled Jarrar, den Diya mit anderen Jugendlichen besucht hat. „Heute lebe ich nicht mehr in der Vergangenheit.“

Der Fotograf Khaled Jarrar hat zum Gespräch in Ramallah seinen Laptop mitgebracht und klickt durch Bilder, die Steine, Gräser, Blätter, Blumen zeigen. „Am ersten Tag habe ich den Jungen erklärt, wie die Kamera funktioniert und wie ein gutes Foto aussieht.“ Das Schwierigste des Workshops, den die Organisation „Save the Children“ Schweden organisiert hatte, sei gewesen, mit den Jungen über ihre Zeit im Gefängnis, ihre Erlebnisse zu reden. „Darüber wollten wir etwas machen, aber wie zeigt man etwas, das hinter Mauern passiert?“ Jarrar erzählt weiter: „Wir saßen ein wenig ratlos vor einem Bistro, in dem in einer Ecke ein Goldfink in seinem Käfig saß. Und dann war da die Idee: Wir befreien einen Vogel.“ Überall in palästinensischen Städten hängen Käfige mit gefangenen Goldfinken, zu Hause, in Cafés und vor Läden. Die Vögel singen fast nie. Ein Vogel kostet ungefähr 300 Schekel. Die Jungen haben Geld zusammengelegt, um einen Vogel zu kaufen, erzählt Jarrar. Mit dem Vogelkäfig ist die Gruppe dann durch Bethlehem gezogen, aufgekratzt, so viel Geld einfach in die Luft werfen zu wollen.

Der Augenblick, in dem der Vogel wegflog, sekundenschnell, den hätte er fast verpasst, erzählt Hamsa Yaseen. „Wir haben uns alle um den Käfig gesetzt und die Tür aufgemacht. Am Anfang schien der Vogel überrascht, aber dann war er auch schon nicht mehr da.“ Die Fotos von dem Tag zeigen die verwunderten Gesichter der Jungen, als hätten sie erwartet, dass der Vogel sich mit der Freiheit mehr Zeit lassen würde. Dann klatschten alle Beifall.

Hamsa Yaseen wohnt im Dorf Bil’in, das direkt am israelischen Sicherheitszaun liegt. Jeden Freitag gibt es hier Demonstrationen gegen die Sperranlage. Auf einer ist Hamsa verhaftet worden, 15 Jahre alt war er damals, auch er soll Steine geworfen haben. Dafür saß er neun Monate in israelischen Gefängnissen. Nach seiner Entlassung hatte Hamsa Glück. Er nahm an einem Programm teil, das von Echo, dem Amt für humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission, finanziert wurde. „Hamsa hat nicht mehr gesprochen, er hatte überhaupt kein Vertrauen mehr“, sagt Walid Amra. Der Sozialarbeiter sitzt auf einem Sofa im Haus von Hamsas Eltern. „Durch die psychologische Betreuung hat er gemerkt, dass er mit seinen Gefühlen nicht allein ist. Hier waren zwar viele Menschen schon im Gefängnis, aber darüber wird kaum gesprochen.“ Die Erfahrungen seien oft traumatisch, gerade für Jugendliche. Außerdem gebe es das Vorurteil, Kinder könnten im Gefängnis auf die schiefe Bahn geraten oder gar zu Kollaborateuren umerzogen worden sein. „Es gab Jugendliche, die mir gesagt haben: Wir sind von einem Gefängnis in ein anderes gekommen.“

Früher hat Hamsa davon geträumt, Fußballprofi zu werden, sein Idol Ronaldo hängt noch an einer Wand des Zimmers. Mit einer palästinensischen Jugendauswahl ist er sogar einmal nach Frankreich eingeladen worden. Heute will er unbedingt Fotograf werden und mit der Kamera die Demonstrationen in seinem Dorf begleiten: „Die Welt soll sehen, dass wir nicht einfach aufgeben.“

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