Im Gespräch mit Denis Scheck : Paul Auster: „Obama muss jetzt auch gewinnen“

Der amerikanische Schriftsteller Paul Auster im Gespräch mit Tagesspiegel-Kolumnist Denis Scheck über die US-Wahl und das Gute an der Finanzkrise.

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Paul Auster, 61, legt den politischen Roman "Mann im Dunkel" vor.Foto: dpa

Herr Auster, erleben wir zurzeit das Ende des Turbokapitalismus oder den Anfang vom Ende der Welt, wie wir sie kennen? Wie wirkt sich das Chaos an den Börsen auf die amerikanischen Wahlen aus?

Ich bin Schriftsteller, kein Wirtschaftsexperte und Politiker. Richtig ist: Ja, wir stecken in einer großen Krise, und uns steht nun eine wichtige Wahl bevor. Im Chinesischen gibt es die Redensart: Mögest du in uninteressanten Zeiten leben. Wir leben bedauerlicherweise in sehr interessanten Zeiten. Aber ich glaube nicht, dass wir untergehen oder dass wir in eine Weltwirtschaftskrise hineinschlittern wie die in den dreißiger Jahren. Die Menschen in Europa und auf der ganzen Welt sind sich dafür der Probleme zu sehr bewusst. Drücken wir also die Daumen! Ob Sie’s glauben oder nicht: Manchmal halte ich diese Krise sogar für ganz gut.

Wieso?

Vielleicht bedeutet sie ja wirklich das Ende dieses Dschungelkapitalismus, das Ende von Milton Friedmans verrückten Ideen von einer ungezügelt freien und uneingeschränkt offenen Marktwirtschaft. Auch die Wirtschaft braucht Regeln und Einschränkungen. Es muss Möglichkeiten geben, die Art, wie wir Geschäfte machen, zu regulieren und zu überwachen. Das System muss reformiert werden.

Ist die Entscheidung zwischen Obama und McCain ein Indikator dafür, wie rassistisch die USA heute sind?

Dass ein Schwarzer Präsidentschaftskandidat einer der beiden großen Parteien des Landes wird, ist eine Sensation. Das gab es noch nie. Als Barack Obama nominiert wurde, hat mich das mit Stolz erfüllt. Ich war der Überzeugung, dass damit Großartiges geleistet worden ist. Es muss aber noch mehr kommen.

Nämlich?

Obama muss die Wahlen auch gewinnen. Er ist McCain in den Meinungsumfragen davongezogen, aber ich glaube nicht an Meinungsumfragen. Es läuft auf die Frage hinaus, wie rassistisch unser Land heute ist. Im Grunde spricht alles für einen Erdrutschsieg der Demokraten. Nach den Blamagen der letzten acht Jahre wäre es normal, die Republikaner davonzujagen und die Demokraten ins Amt zu wählen. Aber dieses Jahr spielt der Faktor X eine Rolle, das Unbekannte – deshalb ist eine Vorhersage schwer. Wir wissen es erst in der Wahlnacht.

Ihr neuer Roman „Mann im Dunkel“ ist so politisch wie noch nie. Sie haben einmal erklärt, im Jahre 2000 habe die USA einen Irrweg beschritten. Wieso?

Wegen der damaligen Präsidentschaftswahlen. Tatsache ist, dass Al Gore zum Präsidenten gewählt wurde. Er hat die Wahlen gewonnen. Das weiß auch jeder. Durch politische und juristische Tricks haben die Republikaner die Wahlen gestohlen. Der Oberste Gerichtshof hat das durch das empörendste Urteil in der Geschichte des Landes abgesegnet. Als es verkündet wurde und Al Gore aufgab, war ich zutiefst deprimiert. Ich war so am Boden zerstört wie an dem Tag, als mein Vater starb. Ich bin in ein tiefes Loch gefallen. Ich hatte das Gefühl, mein Amerika unwiederbringlich verloren zu haben. Wenn ein Idiot wie Bush die Geschicke des Landes lenkt, dachte ich, muss dies zu schlimmen Dingen führen.

Wie haben Sie literarisch darauf reagiert?

Nach den Desastern der letzten acht Jahre kam mir der Gedanke, dass wir nicht mehr in der realen Welt leben, dass wir Gore gewählt, aber nicht bekommen haben, sondern diesen Idioten. In der wirklichen Welt, so das Gedankenspiel meines Romans „Mann im Dunkel“, steht Al Gore am Ende seiner zweiten Amtszeit. Wir haben den Irak nie besetzt, der 11. September, ja die Welt, in der wir heute leben, und die Krise, in der wir uns heute befinden, zu all dem ist es nie gekommen. Die Hauptfigur meines Romans denkt sich nun aus, dass im Jahr 2000 einige Amerikaner so verstört waren, dass sich einzelne Bundesstaaten von den USA abspalten und es zu einem Bürgerkrieg kommt.

Warum haben Sie „Mann in Dunkel“ dem israelischen Schriftsteller David Grossmann und seiner Familie gewidmet?

David Grossmann ist nicht nur ein bedeutender Romancier und Essayist, sondern er setzt sich auch mit klarer und vernünftiger Stimme für Frieden in dieser schrecklichen Weltgegend ein. Außerdem ist er ein enger Freund von mir. Vor zwei Jahren starb sein jüngster Sohn Uri im Alter von 20 Jahren in jenem kurzen Krieg zwischen Israel und dem Libanon – wenige Stunden vor dem Waffenstillstand und nur ein oder zwei Tage nachdem sein Vater mit Amos Oz zu dem israelischen Ministerpräsidenten Olmert gepilgert war und diesen um die Einstellung der Kampfhandlungen gebeten hatte. Dieser Tod traf mich hart. Da mein Roman auch vom Tod eines jungen Mannes in einem Krieg handelt, schien es mir angemessen, dieses Buch David und seiner Familie zu widmen.

Sie sind Jahrgang 1947. Wie haben Sie persönlich eigentlich Krieg erfahren?

Ich war nie in einem Krieg. Als junger Mensch habe ich den Vietnamkrieg erlebt. Ich war als Student absolut dagegen. Lieber wäre ich ins Gefängnis gegangen, als in diesem ungerechtfertigten, dummen Krieg zu kämpfen. Damals gab es noch die Wehrpflicht. Nicht lange nach meinem Studienabschluss wurde das Einberufungssystem reformiert und eine Wehrpflichtlotterie eingeführt. Jedem jungen Mann wurde auf Grundlage seines Geburtstags eine Nummer zugelost. Je niedriger die Nummer, desto höher die Wahrscheinlichkeit, eingezogen zu werden. Aber ich hatte die Nummer 297 von 366, und mir war klar, dass man mich nie einziehen würde. Was aber ähnlich war wie Krieg, das waren die Rassenunruhen in Newark, New Jersey 1967. Zufällig war ich damals in Newark. Das kam einem Krieg recht nahe: Chaos auf den Straßen, Menschen, die Schaufenster zertrümmerten, Schüsse, Polizisten, die auf Menschen einprügelten. Hat man so was einmal gesehen, vergisst man das nie. Mit den Bildern dieser Geschehnisse, keines echten Krieges, aber einer Art Krieg, bin ich seither durchs Leben gegangen.

Damit sind wir im Zentrum jener poetologischen Gesetze, die den literarischen Kosmos von Paul Auster regieren: Zufall, Glück, das blinde Schicksal. Warum ist der Zufall so wichtig für Sie?

Der Zufall ist nicht nur wichtig für mich, sondern für uns alle. Zufall gehört zu unserem Leben. Wir alle wissen, dass wir unser Leben nicht völlig in der Hand haben. Wir alle wissen, dass es Unfälle gibt, dass das Unerwartete eintritt. Wir besitzen einen Willen, wir haben Wünsche, wir haben die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und Pläne für die Zukunft zu schmieden. Aber wir haben das nicht immer in der Hand. Andere Dinge kommen dazwischen. Das könnte man als Zufall definieren, das Unerwartete. Für mich ist das der Mechanismus der Wirklichkeit, so funktioniert unser Leben.

Mit welcher literarischen Konsequenz?

Ich habe in meinem Werk versucht, mich mit dem Zufall auseinanderzusetzen und ihn zu verstehen. Wer glaubt, sein Leben, sein Schicksal absolut im Griff zu haben, ist schlichtweg verrückt. Fragen Sie doch nur Ihre Eltern, wie sie sich kennengelernt haben. Hätten sie sich nicht kennengelernt, gäbe es Sie heute nicht. In neun von zehn Fällen bekommt man dann Geschichten wie diese zu hören: „Ich habe auf den Bus gewartet, aber der Bus hatte Verspätung, und da kam diese attraktive Frau, mit der ich mich unterhalten habe …“ Und beide heiraten, und Sie kommen auf die Welt. Wäre der Bus pünktlich gekommen, gäbe es Sie heute nicht. So geht es häufig im Leben zu.

Der Sekretär der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, machte unlängst Schlagzeilen mit einer Bemerkung über die amerikanische Literatur, die provinziell geworden sei, weil zu wenig übersetzt werde. Die wahre Heimat der Literatur sei deshalb immer noch Europa. Darf ich Sie also in der wahren Heimat der Literatur begrüßen ...

Ich möchte nicht vulgär werden, aber mir fällt dazu nur eine Redewendung ein, die in den USA öfter gebraucht wird. Es geht um eine tiefe Gemeinsamkeit zwischen Arschlöchern und Meinungen. Jeder hat welche ...

Das Gespräch führte Denis Scheck.

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