Politik : Im Kampf gegen das eigene Volk

Pakistan startet Militäraktion gegen Extremisten in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan

Ruth Ciesinger

Berlin - Es ist die wohl größte Militäroperation in Pakistans unruhigem Nordwesten seit den Wahlen zu Beginn dieses Jahres. Am Samstag begann die Armee zunächst damit, mit Mörsergranaten mutmaßliche Stellungen von Talibankämpfern in der Khyber Agency zu bombardieren. Das Gebiet gehört zu Pakistans Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan. In der Khyber Agency sollen bei Gefechten in den vergangenen Tagen bereits mehr als 60 Menschen gestorben sein; nun gilt nach Informationen der Zeitung „The News“ eine umfassende Ausgangssperre für das Gebiet, die Basare sind geschlossen, niemand darf mehr sein Haus verlassen. Ungefähr 700 Kämpfer des paramilitärischen Frontiers Corps seien schon am Freitagabend in die Khyber-Region versetzt worden, berichten andere Medien, insgesamt seien 1500 Sicherheitskräfte im Einsatz. Über den Khyber-Pass läuft auch eine der wichtigsten Nachschubrouten für das US-Militär in Afghanistan.

Bei der Militäraktion gehe es um den Schutz Peshawars vor den pakistanischen Taliban, hieß es. Seit Donnerstagnacht müssen die Krankenhausärzte in der Hauptstadt der Nordwest-Grenzprovinz auf Abruf bereit sein, für den Fall, dass es viele Verletzte gibt. Erst vor wenigen Tagen hatten die Taliban in Peshawar ihre inzwischen weitreichende Macht demonstriert und in der Stadt 16 Christen entführt. Diese wurden später wieder freigelassen – ein Schicksal, dass 30 Männern in den Stammesgebieten nicht vergönnt war. Sie hatten eine Art Friedensrat gebildet und mit der Regierung verhandelt. Vergangene Woche wurden sie entführt, die meisten von ihnen getötet – Anhänger des pakistanischen Taliban-Führers Baitullah Mesud sollen sie ermordet haben.

Rustam Shah Mohmand glaubt jedoch nicht an einen Erfolg von Militäroperationen. Von 2002 bis 2005 war er Pakistans Botschafter in Afghanistan, er stammt selbst aus den Stammesgebieten (Fata). „Es gibt im Moment aber auch kein Klima für echte Verhandlungen“, sagt er. Wer mit der Regierung kooperiere, schwebe in Lebensgefahr. Seiner Ansicht nach sollte die Regierung die Armee ganz aus den Stammesgebieten abziehen. So lange die Menschen dort davon ausgehen, „dass wir Amerikas Krieg kämpfen“, sagt der frühere Diplomat, „wird sich auch an der Situation in den Fata nichts ändern“.

Dabei versucht Pakistans Führung seit Jahren, nicht nur militärisch gegen die Extremisten in den Fata vorzugehen, sondern über Verhandlungen mit Stammesältesten und selbst militanten Führern die Situation in den Griff zu bekommen – und ist bisher damit gescheitert.

Die Fata gehören zwar als Teil der Nordwest-Grenzprovinz zu Pakistan, verwalten sich aber weitgehend selbst. Die Zentralmacht ist nur über so genannte Politische Agenten“ vertreten, der Einfluss von Islamabad in dem mehrheitlich von Paschtunen bewohnten Gebiet ist denkbar gering. Die Gebirgsregion gilt seit dem Angriff der USA auf das Taliban-Regime in Afghanistan 2001 als Rückzugsgebiet auch für afghanische Gotteskrieger, inzwischen haben die Nato, Kabul und besonders die USA die Fata als Hauptübel dafür ausgemacht, weshalb der Taliban-Aufstand in Afghanistan nicht in den Griff zu bekommen ist.

Auch deshalb war die US-Regierung nicht angetan, als Pakistans im Februar neu gewählte Regierung erklärte, mehr auf Dialog als auf Kampf mit den Militaristen zu setzen. Inzwischen scheint Islamabad – zusammen mit der Militärführung – von dieser Linie abzurücken. Baitullah Mesud reagierte prompt: Man plane keinen Angriff auf Peshawar, ließ er laut „The News“ über einen Sprecher ausrichten. Das sei Regierungspropaganda, um neue Militäraktionen zu rechtfertigen. Gingen diese weiter, werde er aber nicht nur alle Gespräche mit der Regierung abbrechen, sondern mit Anschlägen in Pakistans Städten antworten.

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