Politik : Im Kanon

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Schon vor dem Pisa-Schock wurde der „Kanon“ zum Modewort. Nicht jener Kanon, den man singt, sondern jener andere Kanon, den man beherrschen muss. Die Liste des verbindlichen Wissens. Was jeder drauf haben muss. Der Kanon der westlichen Literatur, von Bibel und Shakespeare bis Joyce. Oder eben ein Gegen-Kanon, von alt-japanischen Liebesgedichten bis zu Autobiographien aus Ghana. Jauchs „Millionär“-Sendung ist nichts anderes als der Versuch, auszuloten, was heute noch Kanon ist. Bekannt ist die Erkenntnis aus den USA, dass Schüler dort eher drei Komiker benennen können als drei Präsidenten. Da hat sich der Kanon also verschoben. Derzeit in Berlin herrscht der Hollywood-Kanon. Man muss rings um die Linden auf jeden Fall wissen, wer dieser Filmstar ist, der einem da auf dem Zebrastreifen oder im Lieblingsclub entgegenkommt. Nun hat Pisa gezeigt, dass der Kanon sich noch schneller wandelt als die Inhaberschaft jedes beliebigen Ministerpostens in Rom. Der Kanon hat es also zunehmend schwer. Dem einen reicht es, Comics der 20er Jahre zu kennen, dem anderen, Tennisspieler der 80er zu beherrschen. Hollywood ist auch deshalb Hollywood, weil es anders als Indiens Bollywood einen Welt-Kanon darstellt. Jeder kennt doch Tom Cruise und Julia Roberts, nicht wahr? Da waren wir also im „90 Grad“ und erlebten einen herben Pisa-Schock. Inmitten der Trinker und Tänzer versuchte eine Radio-Reporterin, die Stimmung aufzufangen, und erkundigte sich nach dem werten Befinden. Bestens! Wo wir doch gerade mit Dustin Hoffman zusammengestoßen waren. Und dann kam der Zusammenbruch jedes Kanons. Die Reporterin fragte: Wer ist Dustin Hoffman?

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