Politik : Im Keller vergessen

In Stuttgart sind bei Gericht Tonbandaufzeichnungen von den Stammheimer RAF-Prozessen aufgetaucht

Sarah Kramer

Berlin - Eigentlich waren die Tonbandmitschnitte mit Äußerungen der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe sowie Originaltönen von Anwälten, Richtern und Staatsanwälten aus dem Gerichtssaal in Stuttgart-Stammheim nicht für die Öffentlichkeit bestimmt: Die 21 Bänder, die zwischen Oktober 1975 und Mai 1976 aufgenommen wurden, sollten nach der Anfertigung eines schriftlichen Wortlautprotokolls vernichtet werden. So zumindest hatten es Verteidiger, Staatsanwälte und Richter vor den Prozessen gegen die erste Generation der Roten Armee Fraktion im Herbst 1975 vereinbart.

Ende 2005 sind die Aufzeichnungen nun bei Recherchen von Spiegel TV zu einer Fernsehdokumentation im Keller-Archiv des Oberlandesgerichts (OLG) Stuttgart wieder aufgetaucht. „Die Tonbänder sind dort schlichtweg vergessen worden“, sagt Gerichtssprecherin Josefine Köblitz. „Sie waren nicht einmal beschriftet.“

Zu hören sind auf den Bändern beispielsweise die letzte Aussage von Ulrike Meinhof vor ihrem Selbstmord, Ausführungen von Andreas Baader zum Thema Isolationshaft, Jan-Carl Raspe zu den Haftbedingungen in Stammheim und Gudrun Ensslin zur Verantwortung der Roten Armee Fraktion. „An drei Tagen in der Woche, drei Tagen in der Woche ist hier Verhandlung, findet praktisch kein Umschluss statt, findet kein Hofgang statt“, sagt Baader auf einem Tonband. „Die Situation ist für die Gefangenen die, dass sie in schallisolierten, schalltoten fensterlosen Zellen vier oder fünf Stunden am Tag sich aufhalten müssen.“ Jan-Carl Raspe nimmt in seinen Ausführungen Bezug auf den Zustand von Ulrike Meinhof: „Ulrike konnte bei Besuchen nicht mehr sprechen. Außerdem ist in unzähligen Anträgen der Anwälte auf Ärzte unserer Wahl auf Aufhebung der Isolation erklärt und mit präzisen wissenschaftlichen Argumentationen nachgewiesen worden, dass die Auswirkungen der Isolation für jeden nach einer bestimmten Zeit katastrophal sind.“

Seit September 2006 lagern die Prozess-Mitschnitte im Ludwigsburger Staatsarchiv: Der OLG-Präsident hatte die Tonbänder als „historisch wertvoll“ erachtet und sie daraufhin dem für seine Behörde zuständigen Archiv angeboten. Die Originaltöne von den Stammheimer Prozessen sind seit Montag auf verschiedenen Seiten im Internet zugänglich. Was auf den ersten Blick wie eine kleine Sensation erscheinen mag, entpuppt sich bei näherem Hinhören als längst bekannt: Was Baader und die anderen RAF-Angeklagten sagen, existiert seit Jahren in schriftlicher Form.

Dass es überhaupt Mitschnitte von den RAF-Prozessen gibt, sei allerdings durchaus als historische Besonderheit zu werten, sagt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele. Der Jurist war als RAF-Strafverteidiger an den Stammheimer Prozessen beteiligt. „Man ging davon aus, dass der Prozess lange dauern würde und hat deswegen das Tonband mitlaufen lassen.“ Allerdings seien die Aufnahmen nur für die Prozessbeteiligten bestimmt gewesen. „Hätte die Öffentlichkeit von den Aussagen erfahren, hätte das eine Revision der Urteile bewirken können“, sagt Ströbele. Laut Strafprozessordnung ist die Übertragung aus dem Gerichtssaal ausgeschlossen. Das Protokoll einer Verhandlung muss außerdem lediglich Ort und Tag sowie die Namen der Beteiligten beinhalten. Prozess-Inhalte müssen nicht dokumentiert werden.

Im Internet gibt es die Tondokumente unter http://www.swr.de

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