• Im Korea-Krieg wurden hunderte nordkoreanischer Flüchtlinge von amerikanischen Milizen erschossen

Politik : Im Korea-Krieg wurden hunderte nordkoreanischer Flüchtlinge von amerikanischen Milizen erschossen

Enthüllungen über ein Kriegsverbrechen der US-Streitkräfte im Koreakrieg beunruhigen 49 Jahre danach die Öffentlichkeit in beiden Staaten. Nach Recherchen der Nachrichtenagentur AP trieben amerikanische Soldaten im Juli 1950 koreanische Flüchtlinge unter einer Eisenbahnbrücke zusammen und erschossen Hunderte von Menschen. Hinterbliebene von Opfern reagierten mit Erleichterung auf die Rekonstruktion des Massakers. Pentagonsprecher Kenneth Bacon signalisierte am Mittwoch (Ortszeit) die Bereitschaft zu einer umfassenden Untersuchung.

"Wir löschten sie einfach aus", erinnerte sich der US-Veteran Norman Tinkler an das Blutbad in der Nähe des Dorfes No Gun Ri, 160 Kilometer südöstlich von Seoul. Damals ging in der fünften Woche des Koreakriegs in den US-Einheiten das Gerücht um, nordkoreanische Soldaten würden als Flüchtlinge verkleidet versuchen, durch die amerikanischen Linien zu entkommen. "Es wurde vermutet, dass Feinde unter diesen Menschen waren", sagte der ehemalige Schütze Herman Patterson. Koreanische Augenzeugen berichteten, Soldaten hätten den Flüchtlingsfamilien befohlen, die Straße nach No Gun Ri zu verlassen und auf den parallel laufenden Schienen weiterzugehen - bis zu der Betonbrücke, die heute immer noch von vielen Einschüssen gezeichnet an ihrem Platz steht. "Es war ein furchtbares Gemetzel", erinnerte sich Patterson.

Nach Darstellung von koreanischen Überlebenden dirigierten die Amerikaner die Flüchtlingsfamilien in den Tunnel und eröffneten nach Einbruch der Dunkelheit mit Maschinengewehren das Feuer. Der inzwischen verstorbene Hauptmann Melbourne Chandler soll den Befehl gegeben haben, die Maschinengewehre in der Nähe des Tunneleingangs aufzustellen und das Feuer zu eröffnen. "Macht Schluss mit ihnen", soll Chandler gesagt haben, nachdem er mit Vorgesetzten gesprochen hatte. Die genaue Befehlskette ist aber unklar.

In den Archiven des Pentagons gibt es keine offiziellen Dokumente über das Massaker. "Wir haben keine Beweise, dass dieses angebliche Ereignis so geschehen ist", sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Kenneth Bacon. "Wenn es überzeugende neue Belege zu prüfen gibt, dann wäre es offenkundig wichtig, dass wir sicherstellen, dass jeder Stein umgedreht wird, um zu dem Grund der Angelegenheit zu kommen."

Bei den Recherchen erklärten sechs ehemalige Soldaten der 1. Kavalleriedivision, auf Flüchtlinge in No Gun Ri geschossen zu haben, sechs weitere bezeichneten sich als Augenzeugen. Die Nachrichtenagentur rekonstruierte die damaligen Truppenbewegungen anhand erst kürzlich freigegebener Unterlagen, grenzte so die für die Tat in Frage kommenden Einheiten ein und befragte schließlich 130 Veteranen.

Im autoritär regierten Südkorea wurden die Überlebenden lange davon abgehalten zu sprechen. Erst 1997 klagten einige vor einem Entschädigungskomitee. Ihr Antrag wurde im April 1998 mit der Begründung abgelehnt, die dafür festgelegte fünfjährige Frist sei schon längst abgelaufen. "Ich bin nie so glücklich gewesen", sagte die 75 Jahre alte Park Sun Yong nach den neuen Berichten. "Nun kann ich in Frieden ruhen, wenn ich gestorben bin." Park hatte bei dem Massaker ihren Sohn und ihre Tochter verloren. Die Gruppe der Hinterbliebenen verlangte eine offizielle Untersuchung der USA sowie Entschuldigungen des US-Kongresses und des Präsidenten. Die südkoreanische Regierung kündigte am Donnerstag an, sie wolle die Ansprüche der Überlebenden von neuem prüfen. "Wir werden versuchen, die Wahrheit herauszufinden", sagte der Sprecher des Außenministeriums in Seoul, Chang Chul Kyun. Vertreter von Veteranenverbänden äußerten sich hingegen distanziert: "Selbst wenn das geschehen ist, glaube ich nicht, dass wir uns dies wirklich anhören müssen", sagte der Präsident des Verbands der amerikanischen Koreakriegsveteranen, Harley Coon.

No Gun Ri kann nach den bisherigen Erkenntnissen als zweites Massaker von US-Truppen an Zivilisten in diesem Jahrhundert gelten. Bei dem Massaker von My Lai wurden im Vietnamkrieg 1968 mehr als 500 Menschen getötet.

Zahlreiche Kriegsveteranen wie Royal Bollinger waren gegen die Recherchen zum Massaker von No Gun Ri. "Was immer passiert ist, es sind unsere Erinnerungen. So oder so. Ich glaube nicht, dass sie jemanden etwas angehen," so Bollinger. Auch Al Olsovsky aus Texas wird wütend, wenn man ihn auf die Ereignisse von damals anspricht. Er wisse von nichts, sagt er. Es sei doch bekannt, dass sich nordkoreanische Soldaten als Flüchtlinge verkleidet hätten. "Noch immer werden 8000 von uns vermisst", sagt der Ex-Leutnant mit Bezug auf die im Koreakrieg verschwundenen US-Soldaten. "Darum scheint sich niemand zu kümmern."

Andere wissen etwas, und sie wollen auch darüber reden. Die Flüchtlinge waren diejenigen, die zu leiden hatten, "traurig aber wahr", sagt Don Down.

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