• Im Kosovo haben jugoslawische Soldaten, Polizisten und Paramilitärs systematisch gegen Bestimmungen verstoßen

Politik : Im Kosovo haben jugoslawische Soldaten, Polizisten und Paramilitärs systematisch gegen Bestimmungen verstoßen

Stephan Israel

Das Krankenhaus von Prizren glich Anfang April einer Polizeistation. Neben den Verletzten saßen schwer bewaffnete Männer einer serbischen Sondereinheit. Einzelne Trakte hielten sie vor den Augen der Journalisten abgeriegelt, die von der Regierung in Belgrad zu einer Besichtigung eingeladen worden waren. Die Besetzung des Krankenhauses war nur einer von zahlreichen Verstößen gegen die Genfer Konvention. Serbische "Sicherheitskräfte" glaubten sich dort während der Luftangriffe der Nato einigermaßen sicher. Es galt, möglichst große Distanz zu den potenziellen Nato-Zielen wie Kasernen und Polizeiposten zu halten.

Die serbischen "Sicherheitskräfte" haben entgegen allen Bestimmungen der Genfer Abkommen im Kosovo einen Krieg gegen die Zivilbevölkerung geführt. Im März präsentierten die serbischen Behörden beim Dorf Prekaz die ersten getöteten "Terroristen": 56 zum Teil verstümmelte Leichen, überwiegend Frauen, Kinder und Alte in einer offenen Lagerhalle. Adem Jashari hatte schon immer der serbischen Besatzungsmacht getrotzt. Heute ist der Mitbegründer der UCK für die Kosovaren ein "Märtyrer". Jashari und seine Mitstreiter hatten nicht viel mehr als ein paar Gewehre. Die ganze Sippe der Jashari musste mit dem Leben bezahlen. Fast zwei Tage lang bewarfen serbische "Sicherheitskräfte" den Hof der Großfamilie mit Granaten, bis niemand mehr lebte.

Dasselbe Szenario sollte sich ein Jahr lang noch oft wiederholen. Kämpfer der UCK schossen aus einem Hinterhalt auf eine Polizeipatrouille. Weil die serbischen Behörden der Täter in der Regel nicht habhaft werden konnten, griff man zum Mittel der Sippenhaftung. Es wurde willkürlich hingerichtet. In den Gefängnissen war Folter die Regel, auch das ein eindeutiger Verstoß gegen die Genfer Abkommen.

Das Massaker von Racak zwang schließlich die internationale Gemeinschaft im Frühjahr zu einer entschlosseneren Politik. Mit Beginn der Nato-Luftangriffe wurden Kosovaren zum Freiwild. Die "Operation Hufeisen" hatte die Vertreibung der knapp zwei Millionen Kosovo-Albaner zum Ziel. Bereits in Bosnien waren die "ethnischen Säuberungen" nicht Nebenwirkung, sondern eigentliche Absicht der Kriegführung. Im Kosovo gingen serbische Einheiten mit ähnlicher Systematik vor. Gegen das internationale Recht bedienten sich Polizisten, Soldaten und Paramilitärs der Zivilisten als menschliche "Schutzschilder".

Ähnlich wurde der festgeschriebene Schutz für Ärzte und medizinisches Personal ins Gegenteil verkehrt. Albanische Ärzte waren den serbischen Einheiten besonders "verdächtig". Wenn sie sich um Verletzte kümmerten, machte man ihnen zum Vorwurf, den "Terroristen" zu helfen. Eine Reihe von Medizinern ist spurlos verschwunden oder getötet worden. Auch Hilfsorganisationen konnten im Kosovo nur mit wachsenden Schwierigkeiten ihrer Arbeit nachgehen. Auf Schritt und Tritt wurden sie von den serbischen Behörden behindert, bis die humanitäre Hilfe unmöglich wurde. Während der Nato-Luftangriffe blieben die humanitären Helfer ganz aus dem Kosovo ausgesperrt. Die Delegierten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz mussten als letzte abziehen, aus Sicherheitsgründen.

"Sicherheitskräfte" konfiszierten Fahrzeuge, Büroeinrichtungen und Computer. Im Juni nahmen die abziehenden serbischen Einheiten nicht nur Diebesgut mit, sie verschleppten auch 2270 Albaner. Darunter die Ärztin Flora Brovina. Sie hatte sich in Pristina um Verletzte gekümmert. Am 21. April nahmen Polizisten sie fest. Heute sitzt Flora Brovina in Pozarevac, der Heimatstadt von Slobodan Milosevic, im Gefängnis.

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