Politik : Im Kreuzverhör des Angeklagten

Caroline Fetscher

Noch vor wenigen Jahren hatten sie miteinander verhandelt, jetzt saßen sie sich in Den Haag als Angeklagter und Zeuge gegenüber: In seinem Prozess vor dem Kriegsverbrechertribunal hatte Slobodan Milosevic am Dienstag Gelegenheit, Mahmut Bakalli, den ersten Zeugen, ins Kreuzverhör zu nehmen. Der albanische Politologe, der bis 1981 Chef der Kommunistischen Partei im Kosovo war, hatte am Vortag Fragen der Anklage beantwortet. Als Unterhändler für die zunehmend unter Druck geratenen Albaner im Kosovo verhandelte Bakalli im April und im Mai 1998 direkt mit Milosevic. Dabei ging es um mehr Rechte für die Kosovo-Albaner und über die Angriffe der serbischen Polizei und Armee auf die albanische Bevölkerung.

Im Kreuzverhör gab sich der wegen Deportation und Mord im Fall Kosovo angeklagte Ex-Präsident Jugoslawiens selbstbewusst und als Herr der Lage. "Antworten Sie mir nur mit Ja oder Nein", sagte er wiederholt, wenn Bakalli zu Erklärungen ausholte. Zur Strategie des gut vorbereiteten Angeklagten gehörte der Versuch, die politischen Ambitionen der Bevölkerung in der südserbischen Provinz Kosovo als aufständisch und sezessionistisch darzustellen.

Detailliert befragte er Bakalli zu dem Ausdruck "Apartheid", den dieser am Vortag für die Lage im Kosovo bis Ausbruch des Krieges verwendet hatte. "Lesen Sie erstmal die UN-Definition für Apartheid durch", belehrte Milosevic den Zeugen. Zwischen Angeklagtem und Zeugen entstanden wiederholt debattenartige Wortwechsel, etwa über das Schulsystem im Kosovo. Bakalli hatte ausgesagt, dass Unterricht auf Albanisch mit eigenen Lehrbüchern zur Literatur und Geschichte nach 1989 unmöglich geworden war und die Albaner parallel ein privates Schulsystem aufbauen mussten.

Bei seinem Versuch, die Glaubwürdigkeit des Zeugen in Zweifel zu ziehen, befragte Milosevic diesen nach einer Beratertätigkeit für die kosovo-albanische Befreiungsarmee UCK. "Ich habe den politischen Arm der UCK vor den Verhandlungen in Rambouillet beraten", erklärte Bakalli, der stets ruhig blieb. "Und ich bin stolz darauf." Milosevic war zudem bemüht, Aussagen Bakallis über politische Gefangene zu entkräften, und er unternahm den Versuch, das Gedächtnis des Zeugen unglaubwürdig erscheinen zu lassen: "Sie waren der Einzige, der damals Panzer vor dem Parlament gesehen hat!"

Milosevics Kommentare über die Antworten des Zeugen ließ Richter Richard May mit einiger Toleranz durchgehen, so den Satz: "Wir haben jetzt viel von Ihrer Propaganda gehört." Einen zurückhaltenden Eindruck machte auch die Anklage. Beobachter am Tribunal gehen davon aus, dass Richter und Ankläger vor allem am Eindruck eines möglich fairen Verfahrens interessiert sind, um den Vorwurf auszuschließen, der Angeklagte sei nicht zu seinem Recht gekommen. In den nächsten Tagen werden Ermittlungsteams der Anklage in den Zeugenstand gerufen.

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