Politik : Im Netz tickt die Bombe

Eine Firma fand auf deutschen Internet-Seiten mehr als hundert Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoff

Kurt Sagatz

„Wenn was schief geht, komisch aussieht oder braun wird: Renn um dein Leben, denn braunes Nitroglyzerin explodiert spontan“ – so steht es auf einer Internet-Seite, die sich ausführlich mit dem Bau von Bomben nach dem Heimwerker-Prinzip beschäftigt. Und man kann nur hoffen, dass ihre fehlgeleiteten Besucher wenigstens diesen Hinweis befolgen. Bert Weingarten jedenfalls war zuerst überrascht, danach schockiert, wie einfach man im deutschen Teil des Internets Informationen über den Bombenbau erhält.

Im Hauptberuf ist Weingarten Vorstand einer kleinen Hamburger Aktiengesellschaft der einstigen New Economy. Seine Firma PanAmp hat deren Zusammenbruch überlebt und programmiert nun für Unternehmen, Banken und öffentliche Auftraggeber Filterprogramme, damit deren Mitarbeiter nicht versehentlich auf politisch extreme Internet-Seiten oder Pornoangebote stoßen. Als Weingarten die Bilder von den Bombenanschlägen in Istanbul sah, dachte er gleich an selbst hergestellten Sprengstoff. Noch am selben Tag schrieb er ein Programm, mit dem deutsche Internetseiten nach Fachbegriffen aus der Biochemie und Sprengstoffentwicklung abgesucht werden können. Das Ergebnis ist schockierend.

Bereits nach wenigen Stunden wurden die auf das Web losgelassenen Software-Agenten fündig: Trockeneisbomben, Landminen, Briefbomben – insgesamt entdeckten sie über hundert Anleitungen. In einem Diskussionsforum wurde über den idealen Fernzünder debattiert: Ein User names „Lego“ schrieb, wie er sich eine Bomben-„Fernsteuerung“ vorstellen kann, obwohl er sie „ned ausprobieren (will,) weils zu teuer is.“ Die Ergebnisse der Recherchen wurden inzwischen dem Bundeskriminalamt sowie dem Bundesinnenministerium angeboten.

Wie leicht solche Anleitungen über das Internet zu verbreiten sind, ist nicht neu. Schon Mitte der 90er Jahre wurde vor Gericht darüber gestritten, ob nicht bereits ein Internet-Verweis auf eine terroristische Seite strafbar ist. Auch die Seiten, die jetzt die Hamburger Internet-Firma anprangert, existieren nicht erst seit gestern. Die letzte Seite ging im März 2003 online, die anderen Websites sind noch älter.

Jünger dagegen sind anscheinend die Betreiber dieser Homepages. „Bei den meisten handelt es sich offenbar um junge Menschen, die ihre Seiten zum Image-Transfer nutzen und das cool finden“, beschreibt Bert Weingarten seinen Eindruck. Das ändert freilich nichts an der Gefährlichkeit dieser Anleitungen, die „professionell genug sind, um extremistisch genutzt zu werden“, wie der Firmenchef meint: „Man findet alles, was man braucht, um sofort loszulegen und einen ganzen Straßenzug in die Luft zu jagen.“

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