Im Problemstau : Guttenbergs Parteifreunde schweigen

Einem Kollegen, den ein Skandal in Bedrängnis bringt, kann man auf zwei Weisen helfen: lautes Geschrei anstimmen zu seiner Verteidigung – oder in tiefes Schweigen verfallen.

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Einem Parteifreund, den ein Skandal in Bedrängnis bringt, kann man auf zwei Weisen helfen: lautes Geschrei anstimmen zu seiner Verteidigung – oder in tiefes Schweigen verfallen. Im Fall Karl-Theodor zu Guttenberg ist am Donnerstag die zweite Variante dran. Was umso mehr auffällt, als sich Guttenbergs Freunde massiv ins Zeug gelegt hatten, als die Plagiatsvorwürfe gegen den Doktor der Rechte bekannt wurden.

Ihr Tenor: Da laufe eine „Schmutzkampagne“ gegen den Politikstar der Union; Nach abgeschriebenen Passagen in seiner Doktorarbeit zu wühlen habe nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern sei parteipolitisch motiviert. Am Tag danach mag erst einmal keiner mehr öffentlich derlei sagen. Die Sorge in der Union ist deshalb nicht geringer. Einerseits, sagt ein führender Abgeordneter, spreche ja vieles für die Annahme, dass sich draußen bei den Leuten niemand für die Details der wissenschaftlichen Karriere des Dr. Guttenberg interessiere. Andererseits – der Verdacht, Texte schnöde abgekupfert und sich dadurch einen Titel erschlichen zu haben, rühre natürlich an einen Wesenskern von Guttenbergs Prominenz.

In der Opposition neigt man da zu viel deutlicheren Worten. Linke-Chefin Gesine Lötzsch hält einen Rücktritt Guttenbergs für unausweichlich, sollte ihm der Doktortitel aberkannt werden. In diesem Fall sei er „als Minister nicht mehr haltbar“, sagte sie dem Fernsehsender N24. Auch der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold meint, „Guttenbergs Glaubwürdigkeit wäre dann völlig zerstört“, wie er der „Mitteldeutschen Zeitung“ sagte.

Der Mann, um den es geht, ist derweil noch in Afghanistan. Guttenberg ist am Mittwochmittag schon aufgebrochen, eine – wie aus Sicherheitsgründen seit langem üblich – vorher geheim gehaltene Reise. Einerseits löst der Minister damit eine frühe Zusage ein, dass er so etwa alle zwei Monate ins Einsatzgebiet fahren wolle. Andererseits dient die Tour auch der Aufarbeitung einer der schon wieder etwas älteren Affären. Denn der Minister ist ins OP North gefahren, einen Außenposten in der umkämpften Provinz Baghlan. Dort sind 2010 nicht nur fünf Bundeswehrsoldaten im Einsatz gefallen. In dem Vorposten erschoss auch ein Soldat versehentlich seinen besten Freund – was zur Affäre wurde, weil das Verteidigungsministerium das Parlament nicht richtig ins Bild setzte. Und verschwundene oder geplünderte Feldpostbriefe wurden auch im OP North aufgegeben.

Grund genug also für den Minister, mit den Soldaten in dem Lager selbst zu reden und sogar bei ihnen zu übernachten, und das alles ohne die sonst übliche Pressebegleitung, nur FAZ-Herausgeber Berthold Kohler war dabei. Es ist der plausible Abschluss einer Affäre, die nach menschlichem Ermessen ausgestanden ist – für die Informationspanne hat Guttenberg Abbitte geleistet, das Rätsel um den löcherigen Feldpostweg wird vielleicht nie gelöst, regt aber auch niemanden mehr recht auf. Noch nicht ausgestanden ist der Skandal um die „Gorch Fock“. Auch dorthin will Guttenberg demnächst reisen. Aber er hat vorher schon einiges unternommen, um Hitze aus dem Kessel zu nehmen – ein Besuch in der Marineschule Mürwik sollte die Marine beruhigen, in der viele die Suspendierung des „Gorch Fock“-Kapitäns nach wie vor als Vorverurteilung empfinden. Den Rest dürfte, wie so oft bei politischen Skandalen, die Zeit heilen.

Doch die üblichen Mechanismen der Krisenbewältigung funktionieren in der jetzigen Affäre nicht. Auch das macht sie so brisant und Parteifreunde so nervös: Der Angeschuldigte kann von sich aus wenig tun, um die Gefahr abzuwenden, in der er schwebt. Guttenberg hat erklärt, dass er, und er allein seine Doktorarbeit verfasst hat. Damit ist er allein für alle Verfehlungen verantwortlich. Ob es aber Absicht war oder nur grobe Nachlässigkeit, dass der Doktorand Guttenberg ganze Absätze in seiner Arbeit von anderen kopiert hat, darüber entscheiden diesmal nicht Beliebtheitsumfragen oder Leitartikel, auch nicht Auftritte in Untersuchungsausschüssen oder Fernsehinterviews. Die Entscheidung liegt jetzt ganz allein bei der Universität Bayreuth.

Die Hochschule schmückt sich in ihrer Selbstdarstellung mit dem prominenten Absolventen – um so penibler, vermuten auch Unionspolitiker, dürfte sie jetzt darauf bedacht sein, ihr wissenschaftliches Renommee nicht dem Verdacht der Gefälligkeit auszusetzen. Was aber passiert, wenn die Uni dem Minister den Doktor entzieht, darüber mag im Moment keiner laut spekulieren. Nur so viel ist klar: Die Verteidigungslinie, die auf den Gegenangriff mit der „Schmutzkampagne“ aufbaut, hätte sich dann erledigt. Und eine neue Auffanglinie ist nicht recht in Sicht. Dass der Minister am Donnerstagabend nicht, wie geplant, vom Hindukusch direkt zur geplanten Wahlkampfveranstaltung der CDU in Sachsen-Anhalt eilte, sondern nach Berlin zurückkehrte, lässt zumindest viel Raum für Spekulationen.

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