Politik : Im Regen

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Liebe Kerstin Müller,

die vergangene Woche bescherte uns den 27. April. Das ist jener Tag, an dem vor zehn Jahren die ersten freien Wahlen in Südafrika begannen. Weil es solch schöne Jubiläen in der Politik eher selten gibt, war es völlig richtig, dass Sie als Staatsministerin im Auswärtigen Amt zum großen Empfang der südafrikanischen Botschaft in den Ballsaal des Berliner Maritims kamen. Die Freude über den Abschied von der Apartheid, der vor zehn Jahren endgültig vollzogen wurde, war Ihnen auch heute noch anzusehen. Ist ja auch schön, wenn ein Volk einigermaßen friedlich ein menschenunwürdiges System überwindet. Zurecht erinnerte die südafrikanische Gastgeberin daran, dass viele Deutsche dabei halfen. Sie sagte: „Ganz normale Deutsche, im Schnee, in der Kälte, im Regen…“ Weiter kam sie nicht, weil erst einmal gelacht wurde. Gibt es im Auswärtigen Amt nicht ein Referat, das sich mit dem Deutschlandbild in der großen weiten Welt beschäftigt? Der Reduzierung des Deutschen auf Autos, Autobahnen, Bier, Pünktlichkeit und Selbstmitleid? Da fehlt, so lernten wir an diesem Abend, das Wetter. Aber zurück zu Ihnen, liebe Kerstin Müller. Seit 1994 regiert der ANC in Südafrika und kriegt bei Wahlen stets zwei Drittel der Stimmen. Nun haben Sie gesagt, „das äußerst positive Ergebnis südafrikanischer Politik“ sei in den jüngsten Wahlen „gewürdigt“ worden. Nichts gegen den ANC. Aber ist es bei solchen Anlässen nicht üblich, dass man eher das Land als seine Regierungspartei preist? Und darf man nicht auch sagen, dass nicht alles, was für den ANC gut ist, auch für Südafrika gut ist? Riesengroße Dauermehrheiten beispielsweise? Meint Ihr

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