Politik : Im Schatten der Ruine

Barbara-Maria Vahl

Vielleicht ist die persönliche Geschichte des Bürgermeisters Rudolph Giuliani nach dem 11. September in New York eine der ganz wenigen "Success-Stories" - Erfolgsgeschichten, die sich an dieses Datum knüpfen. Giuliani hat rund um die Uhr mit großem Sinn für das Nötige und das Menschliche einen enormen persönlichen Einsatz gebracht. Dafür erntet er nun verdiente Lorbeeren. Von der britischen Königin wurde er zum Ritter geschlagen.

In New York aber geschieht derweil seit Wochen schon genau das, was überall in der Welt nach den größten Katastrophen passiert - so schlimm es auch war, so groß zunächst Schock, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft: Danach kommen die nüchterne Sichtung des Schiefgelaufenen, die Verwaltung der Folgeprobleme und die Zukunftsplanung.

Zum Thema Dokumentation: Kampf gegen Terror
Fotos: Osama Bin Laden, Krieg in Afghanistan
Die New Yorker Bilanz Ende Januar: Alles in allem 2870 Tote und Vermisste (im Pentagon 184, in Pennsylvania 40). Die Arbeitslosenrate ist im Dezember auf 7,4 Prozent hochgeschnellt. Insgesamt sind seit dem Attentat auf das World Trade Center 100 000 Arbeitsplätze verloren gegangen. New Yorker Wirtschaftsexperten erwarten einen weiteren Anstieg. Etwa 75 Prozent der gut 20 000 Menschen im direkten Umkreis des WTC, die nach der Katastrophe evakuiert worden waren, sind inzwischen in ihre Wohnungen zurückgekehrt. Aber viele von ihnen sind sehr besorgt über eine mögliche Kontamination ihrer Wohnungen mit Asbest und Chemikalien, über womöglich am 11. September eingeatmete Gefahrenstoffe und anhaltende Luftverschmutzung.

Bürger klagen über nach wie vor bestehende Sicherheitsmängel auf amerikanischen Flughäfen. Erst 170 von geforderten 2000 Bombendetektoren für Gepäck seien installiert, für eine Million Dollar das Stück. Herstellung und Installation sind verantwortlich für die Verzögerungen. "Die Administration hat ein Meisterstück beim Krieg in Afghanistan hingelegt - sie soll gefälligst ähnlich zupackend an der Heimatfront agieren.", forderte die "New York Times".

Breiten Raum nimmt seit Mitte Januar vor allem die Frage in den Zeitungen ein, warum so viele, nämlich 343 Feuerwehrmänner ums Leben kamen. Eine unabhängige Untersuchungskommission soll nun eingesetzt werden, um festzustellen, was am 11. September bei den Rettungsarbeiten schief gelaufen ist. Interviews, die mit bisher etwa 500 überlebenden Feuerwehrmännern geführt wurden, zeigen allerdings bereits, wo die Mängel lagen. Hauptursache dafür, dass so viele Kollegen ihr Leben verloren, ist offenbar vor allem die Tatsache, dass die Kommunikation untereinander zusammenbrach - Funkgeräte und Mobiltelefone funktionierten nicht mehr. Und Kommandoeinheiten verloren bereits nach kurzer Zeit den Überblick, weil zahlreiche Kollegen an die Unglücksorte strömten, die gar keinen Dienst hatten und sich nirgends registrieren ließen. So hat man heute die tragische Einsicht, dass die Einsatzleiter in der Lobby des Nordturms schon vor dem Einsturz des Südturms (der als Erster zusammenbrach) mit berstenden Scheiben, herabfallendem Putz und spürbaren Gebäudebewegungen Anzeichen für einen drohenden Einsturz sahen und nach gewissem Zögern das Kommando zum Verlassen des Gebäudes ausgaben. Aber - sie wurden nicht oder zu spät gehört.

Was bleibt: In einem abgelegenen Winkel des John-F.-Kennedy-Flughafens, auf dem großen Schrottplatz in den Fresh Kills in Staten Island und an einigen anderen Orten werden vorsorglich so genannte Artefakte aufbewahrt, die als Objekte für Erinnerungsstätten, Museen und Wissenschaftler in Frage kommen. Die monumentale Bronzeplastik des deutschen Künstlers Fritz Koenigs gehört dazu, einst Blickfang zu Füßen der Türme, jetzt stark demoliert; eine Plastik Alexander Calders; die gewaltige Fernsehantenne, die einst die höchste Spitze New Yorks markierte - 527 Meter hoch. Ungeklärt ist die Frage, was aus den gut 10 000 Unternehmen - Geschäften, Restaurants, Kleinunternehmen - wird, die seit dem 11. September zerstört oder eingegangen sind. Und bei denjenigen, die bisher überlebten in der "eingefrorenen Zone" hängt das künftige Schicksal meist am seidenen Faden, die Verzweiflung ist hier mit Händen greifbar. Ihnen fehlen schlichtweg, so sagen Geschäftsleute, die mindestens 50 000 Menschen, die früher den Bezirk bevölkerten, und viele von ihnen mit viel locker sitzendem Geld in der Tasche. 700 Millionen Dollar hat die Bush-Administration in Aussicht gestellt, um das südliche Manhattan wieder in Schwung zu bringen. Vor allem sollen davon Arbeitsplätze geschaffen und kleine Unternehmen gefördert werden.

Und dann noch die Frage, was langfristig aus "Ground Zero" werden soll. Ein Mahnmal soll dorthin - aber was für eines? Und drumherum? Stadtplaner und Architekturbüros haben bereits im Auftrag von Larry A. Silverstein eine Vielzahl an Modellen entworfen. Silverstein und Partner hatten sich nur zwei Monate vor dem Attentat, so die "New York Times", "mit 3,2 Milliarden Dollar das Recht erkauft, über den Ein-Million-Quadratmeter-Komplex des WTC zu bestimmen" und damit das Recht, dort zu bauen. Silverstein, der nur die Zustimmung der Port Authority als Landbesitzer braucht, tendiert dazu, zügig anzufangen, bevor allzu viele Interessengruppen ihre Stimmen geltend machen. Andere, darunter Madelyn Wils, Direktorin der Stadt-Entwicklungsbehörde, mahnen zu Besonnenheit. "Was immer hier neu entsteht, muss den Bedürfnissen der Bürgergemeinschaft entsprechen. Und es muss spektakulär sein", fordert sie. "Wenn wir davon ausgehen, dass das neue Antlitz des gesamten Stadtteils bis ins kommende Jahrhundert bestehen soll, dann sollten wir uns ruhig ein paar Monate mehr Zeit nehmen, um neu über Straßennetz und Aufriss zu bestimmen." Es sei eine einmalige Chance.

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