Politik : Im Schatten des Booms

27.10.2006 00:00 UhrVon Harald Maass

Chinas Bauern gehören zu den Verlierern der Wirtschaftsreformen

Nicht weit hinter der Stadtgrenze von Peking, wo die letzten Wohnblöcke der Stadt einer kargen Berglandschaft weichen, beginnt eine andere Welt. Statt japanischen und deutschen Autos sieht man Eselskarren und alte Fahrräder auf der Straße. Die Menschen leben in niedrigen Steinhäusern. Ihre Kleidung ist abgetragen. Viele Fenster haben keine Glasscheiben, sondern sind nur mit dünnem Papier zugeklebt. „Hier in unserem Dorf sind alle arm“, sagt Bauer He.

Chinas 800 Millionen Bauern und Landbewohner sind die Verlierer der Reformen. Der Wirtschaftsboom fand vor allem in den Städten statt. Während in Peking, Schanghai und Guangzhou immer neue Wolkenkratzer gebaut werden und sich viele Stadtbewohner ein eigenes Auto leisten können, leben die Menschen auf dem Land bis heute oft in bitterer Armut.

236 000 Dollar-Millionäre soll es in China geben. Gleichzeitig mussten 29 Millionen Chinesen mit weniger als 70 Euro im Jahr auskommen. Weil Fleisch zu teuer ist, wird nur Reis und Gemüse gegessen. Weil sie die Schulgebühren nicht zahlen können, bleiben die Mädchen oft zu Hause.

In Huangshi, fünfzig Kilometer westlich von Peking, leben die Dorfbewohner wie vor einem halben Jahrhundert. In der ärmlichen Wohnküche von Bauer He gibt es ein „kang“, ein traditionelles beheizbares Steinbett. Ein altes Radio steht da; sonst ist der Raum fast leer. „Von der Landwirtschaft können wir nicht mehr leben“, sagt He. Er trägt einen abgetragenen, wattierten Maoanzug. 400 Yuan Unterstützung im Monat bekommt er vom Staat, rund 40 Euro. Die Schule wäre umsonst, doch in dem Dorf gibt es kaum noch Familien mit Kindern. „Die Jungen gehen alle in die Stadt, um zu arbeiten.“

Ende der siebziger Jahre, als China mit seinen Wirtschaftsreformen begann, waren die Bauern zunächst die Gewinner. Der damalige Chef der Kommunistischen Partei, Deng Xiaoping, zerschlug die Agrargenossenschaften, privatisierte die Landwirtschaft und erhöhte damit die Produktion. Nach Jahrzehnten der Mangelwirtschaft hatten die Chinesen erstmals genügend zu Essen. In Peking verdienten private Gemüsehändler damals oft mehr als Universitätsprofessoren.

Nach zwei Jahrzehnten Reformen hat sich die Lage gedreht. Landbewohner verdienen in China im Schnitt nur ein Viertel dessen, was Stadtbewohner haben – rund 330 Euro im Jahr. Millionen Bauern haben deshalb ihre Felder verlassen, um sich als Wanderarbeiter an der Küste durchzuschlagen. Doch in den Städten sind sie nur Bürger zweiter Klasse. Das sogenannte „Hukou“-System, das Chinesen an ihren Geburtsort bindet, bewirkt, dass Stadtbewohner in der Ausbildung, Krankenversorgung und der Verteilung von Arbeitsplätzen bevorzugt werden. Die Wanderarbeiter schuften auf Baustellen, in Fabriken oder als Hausangestellte.

„China hat die größten wirtschaftlichen Ungleichheiten der Welt, und es wird schlimmer“, sagt der Wirtschaftsexperte Hu Angang von der Akademie der Wissenschaften. Die Folge sind soziale Spannungen: Jede Woche kommt es irgendwo im Land zu Unruhen und Aufständen. Entlassene Angestellte von Staatsfabriken demonstrieren, weil sie um ihre Pensionen betrogen wurden. Bauern sperren Straßen, weil sie die Steuern nicht mehr zahlen können. Regierungsberichten zufolge gab es im vergangenen Jahr 87 000 größere Proteste – 6,6 Prozent mehr als 2004. Auslöser der Konflikte: Armut, Korruption und Landstreitereien.

Peking Führer haben erkannt, dass die Jagd nach immer neuen Rekordzahlen die Gesellschaft und das Land überfordert. Staats- und Parteichef Hu Jintao gab deshalb die Losung „hexie shehui“ aus – „harmonische Gesellschaft“. Nicht mehr nur die Elite in den Städten, sondern auch die Mehrheit der Chinesen auf dem Land soll in Zukunft am Wohlstand teilhaben. Die Industrie soll umweltfreundlicher und vor allem nachhaltiger werden. Um das zu erreichen, will Peking ein vergleichsweise geringeres Wachstum in Kauf nehmen.

Die Frage ist jedoch, wie viel Kontrolle Pekings Führer noch über ihre Wirtschaft haben. Chinas KP-Kader, die nun die neue Politik durchsetzen sollen, haben selbst am meisten vom Boom profitiert. Die Akademie der Wissenschaften veröffentlichte im März eine Studie, demnach es in der Volksrepublik 3220 Menschen mit einem Vermögen von mehr als 100 Millionen Yuan (zehn Millionen Euro) gibt – 2932 davon seien Söhne und Töchter hoher Kader.

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