Politik : Im Schatten von Al Qaida

Der Anschlag von Algier trägt die Handschrift von Bin Ladens Leuten / Seit den 90ern ein blutiger Konflikt

Ralph Schulze[Madrid]

Rauchende Trümmerberge auf den Straßen. Zerstörte Häuserfronten. Brennende Autos. Ein ganzer Bus mit Studenten in Flammen. Ein Krater auf der Straße. Schreie, Blut, Panik, Tote. Kurz vor zehn Uhr morgens bricht in der algerischen Hauptstadt Algier, wo drei Millionen Menschen leben, das Grauen aus. Ein vermutlich islamistischer Kamikazebomber, der in einem Auto voller Dynamit herangerast war, hatte vor dem Verfassungsgericht im Stadtteil Ben Aknoun auf den Zündknopf gedrückt. In der Nachbarschaft befinden sich etliche Ministerien. Ein Autobus, der Studenten zur Universität bringen sollte, fuhr gerade vorbei. Viele der jungen Männer und Frauen in dem Bus starben – mindestens 30 Menschen kommen dabei um.

Zehn Minuten später, als schon eine dicke Rauchsäule über der Stadt steht, der zweite Angriff. Er gilt jenem Gebäude im Diplomaten-Stadtteil Hydra, in dem die Vereinten Nationen in Algier einige ihrer Büros untergebracht hat. Etwa jenes des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR oder des UN-Entwicklungsprogramms. Auch die Welternährungsorganisation und die Internationale Arbeitsorganisation haben in dem gut bewachten Viertel ihren Sitz, ebenso wie viele Botschaften. In Hydra leben hunderte Ausländer.

Die Lage ist auch am Dienstagnachmittag noch chaotisch. Polizisten und Feuerwehrmänner suchen unter Gebäudetrümmern nach Vermissten. Ein algerischer Fahrer des UNHCR wurde getötet, meldet die Organisation. Ein weiterer Mitarbeiter sei verschwunden. Auch von weiteren vermissten UN-Mitarbeitern ist die Rede. Die Zahl der Toten im Umfeld der UN-Gebäude, die schwer beschädigt wurden, könnte ebenfalls bei rund 30 Menschen liegen. Dutzende wurden verletzt. Innenminister Yazid Zerhouni bestätigt später, dass Selbstmordattentäter die Bomben zündeten. Unbestätigten Angaben zufolge flog vor dem UN-Sitz ein Tanklaster in die Luft. Die Behörden rechnen mit steigenden Opferzahlen.

Doch auch so geht der 11. Dezember 2007 in Algiers Terrorgeschichte als einer der schlimmsten Tage in den letzten 15 Jahren ein. Schon einmal schlugen islamistische Terroristen in diesem Jahr am 11. eines Monats zu. Mit ebenfalls zwei Autobomben – eine explodierte vor dem Regierungspalast – wurden am 11. April mindestens 33 Menschen in den Tod gerissen. Die Terror-Organisation „ Al Qaida im Maghreb“ bekannte sich zu den Attentaten und stellte Fotos der Täter ins Internet.

Dann erzitterte Algerien erneut im September im Namen von „El Kaida“: Am 6. September bombten islamistische Attentäter gegen den algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika. Der Staatschef blieb unverletzt, aber 22 Menschen starben. Drei Tage später raste ein Kamikazeterrorist mit seinem Bombenwagen in eine Kaserne in Dellys, etwa 100 Kilometer östlich von Algier. 31 Soldaten kommen um. Zudem gab es im Laufe des Jahres Dutzende kleinere Anschläge gegen Algeriens Sicherheitskräfte, ebenfalls mit vielen Toten.

Algerien befindet sich seit 1992 in einem blutigen Konflikt mit islamistischen Fundamentalisten. Damals stand bei der ersten und bisher wohl letzten freien Wahl die Islamische Heilsfront (FIS) kurz davor, die Mehrheit zu erringen. Die Wahl wurde daraufhin von der Armee abgebrochen, was einen Bürgerkrieg auslöste. In den Kämpfen zwischen bewaffneten Gruppen und den Sicherheitskräften kamen schätzungsweise 200 000 Menschen ums Leben. Die anschließende Versöhnungspolitik von Staatschef Bouteflika brachte wenig Entspannung. Die Islamisten, deren Partei weiterhin verboten ist, haben im Untergrund regen Zulauf.

Die zuletzt stärkste gewalttätige Islamistenbewegung, die Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC), unterstellte sich letztes Jahr formal Al Qaida. Schon länger beobachten westliche Geheimdienste mit Sorge, dass sich Nordafrika zum neuen Aufmarschgebiet Al Qaidas, einer Art neuem Afghanistan, entwickelt.

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