Politik : Im Schneckentempo

Betroffene Reisende schwanken zwischen Ärger, Sorge und Einsicht – Eindrücke vom Flughafen Tegel

Christoph Stollowsky

Berlin - Es war knapp 15 Minuten nach dem Start in Tegel Richtung London- Heathrow. Bernadett Zeipert hatte sich losgeschnallt, die Stewardessen der British Airways-Maschine boten ihr Kaffee an – da kam um 8 Uhr 20 die überraschende Durchsage des Flugkapitäns: „Wegen Sicherheitsproblemen am Zielflughafen müssen wir nach Berlin zurückkehren.“ Erst war es mucksmäuschenstill im Jet, erinnert sich die 31-jährige Berlinerin. Dann fragte jeder nach den Gründen, aber die Crew wusste selbst nicht mehr.

Erst am BA-Schalter in Tegel erfuhren die Passagiere vom vereitelten Terroranschlag in London. Dann brauchten sie viel Geduld: Sie mussten dort bis zu drei Stunden in einer 20 Meter langen Warteschlange anstehen, bevor sie ihre Tickets vorweisen konnten und für jeden individuell geklärt wurde, wie es weiterging.

Eine komplizierte Aufgabe, denn nach dem zurückbeorderten BA-Frühflug wurden auch die drei weiteren Verbindungen von British Airways nach Heathrow um 12:20, 16:35 und 19:40 Uhr gestrichen. Außerdem waren Flüge anderer Gesellschaften zwischen Berlin-Schönefeld und den drei weiteren Londoner Flughäfen Luton, Gatwick und Stansted betroffen – so ein Flug mit Air Berlin von Tegel nach Stansted. Easyjet strich vier Flugpaare von und nach Luton, Gatwick und Liverpool. Und die Frühflüge von Ryanair aus Stansted und von Easyjet aus Luton trafen erst mittags mit dreistündiger Verspätung in Schönefeld ein. Entsprechend verzögert starteten sie zum Rückflug. Insgesamt fielen 15 Flüge zwischen Berlin und London in beiden Richtungen aus.

„Unsere Anschlussverbindung ist futsch“, stöhnten viele Fernreisende, die von Tegel nach London flogen, um dort umzusteigen. Doch British Airways fand offenbar für etliche eine akzeptable Lösung, was allerdings viel Zeit kostete. Bernadett Zeipert beispielsweise wollte mit einem Freund in die vietnameische Hauptstadt Hanoi. Nun bot ihr BA eine Alternative ohne Aufpreis mit Lufthansa und Air France über Frankfurt am Main an. Ankunft: Etwa sechs Stunden später als urprünglich geplant.

Auch Flüge nach Afrika, Australien oder in die USA wurden entsprechend umgebucht. Die Betroffenen gaben sich zufrieden, kaum Schimpfworte auch beim schier endlosen Warten – der terroristische Hintergrund dieser Geduldsprobe dämpfte den Ärger. Obwohl besonders London- und England-Urlauber oder Geschäftsreisende allen Grund gehabt hätten. Denn British Airways fliegt ab Tegel nur Heathrow an. Am BA-Schalter bemühte man sich folglich, Passagiere auf andere Flüge zu den drei weiteren Londoner Flughäfen umzubuchen oder sie wenigstens nach Manchester und Liverpool zu bringen. Aber die möglichen Maschinen waren schnell besetzt. Wer einen Kurzurlaub an der Themse gebucht hatte, musste sich damit abfinden, dass er erst einen Tag später von Berlin loskam.

Wer hingegen in Tegel oder Schönefeld noch eine Maschine bekam, geriet nach dem Einchecken erneut ins Gedränge. Denn die Kontrolle des Handgepäcks wurde am Donnerstag auf allen drei Berliner Flughäfen „bis auf Weiteres“ verschärft. Taschen und Tüten durchsuchte das Sicherheitspersonal bis zum Grund. Im Schneckentempo ging es voran.

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