Politik : Im Westen viel Neues

Wie die Bundestagswahl die politische Landkarte verändern könnte – Teil 2

Albert Funk

Die Umfragen zur Bundestagswahl am 18. September haben sich stabilisiert, gut 10 Prozentpunkte trennen Union und SPD bundesweit. Doch wie sieht es in den Ländern im Detail aus? Welche regionalen Besonderheiten gibt es? Wie werden Prominente abschneiden? Eine Tagesspiegel-Serie, Teil 2: Der Westen.

Die drei großen westdeutschen Länder Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen haben eines gemeinsam: Lange Zeit von der SPD regiert, drehten sich dort die Mehrheiten während der Regierungszeit von Bundeskanzler Gerhard Schröder, und in den drei Staatskanzleien sitzen nun CDU-Ministerpräsidenten. Das nahe Ende von Rot-Grün im Bund wurde mit den Regierungswechseln in Wiesbaden, Hannover und Düsseldorf eingeleitet. Und so werden es nicht zuletzt die Ergebnisse in diesen drei umkämpften Ländern sein, die über die Verhältnisse nach dem 18. September in Berlin entscheiden – ob es für Schwarz-Gelb reicht oder eine große Koalition kommt.

In Hessen holte die SPD 2002 noch 17 Direktmandate. In zwei Wochen werden es wohl nur noch fünf bis sechs sein. Vor allem der Süden des Landes wird CDU- Mehrheiten bekommen. Das könnte Entwicklungsministerin Heide Wieczorek-Zeul in Wiesbaden das Direktmandat kosten, und ob Justizministerin Brigitte Zypries bei ihrem ersten Anlauf in Darmstadt den Wahlkreis gegen den CDU-Gesundheitspolitiker Andreas Storm für die SPD verteidigen kann, ist noch nicht ausgemacht. Dagegen dürfte es für Finanzminister Hans Eichel in Kassel, einer traditionellen SPD-Hochburg, reichen.

Das Kuriosum in Hessen ist der stark katholische Wahlkreis Fulda: Immer schon eine Bank für die CDU, könnte die Partei ausgerechnet dort das Direktmandat verlieren – weil der frühere Abgeordnete Martin Hohmann, von der CDU wegen seiner umstrittenen Äußerungen über Juden ausgeschlossen, als Einzelbewerber antritt und seinem CDU-Nachfolger ordentlich Stimmen abnehmen könnte. In Frankfurt geht es für Joschka Fischer wieder darum, eines der höchsten Grünen-Ergebnisse bundesweit einzufahren – was die SPD den Wahlkreis kosten kann.

Auch in Niedersachsen wird es für die SPD schwer, denn der VW-Skandal hallt noch nach. 2002 holte die CDU im Kanzler-Land nur vier der 29 Wahlkreise. In zwei Wochen werden es mehr als doppelt so viele sein. Dennoch dürfte die SPD in der Mehrzahl der Wahlkreise direkt gewinnen. Auch in den „VW-Wahlkreisen“ um Wolfsburg und Emden – doch wie hoch werden die Verluste für die SPD in diesen Hochburgen sein? Vielerorts wird es auch sehr knappe Resultate geben. Zum Beispiel im Wahlkreis Celle-Uelzen von Verteidigungsminister Peter Struck. Oder in der Uni-Stadt Göttingen, wo ebenfalls das Stimmensplitting der Grünen-Wähler das Rennen zwischen SPD und CDU entscheiden kann. Oder in Soltau-Fallingbostel, wo die SPD-Umweltpolitikerin Monika Griefahn um ihr Direktmandat bangen muss. Die Stadt Osnabrück, Heimat von Ministerpräsident Christian Wulff, dürfte die SPD an die CDU verlieren.

Dagegen sind die beiden Hannoveraner Wahlkreise für die Sozialdemokraten sicher, doch wird dort Bildungsministerin Edelgard Bulmahn kaum wieder die 56 Prozent von 2002 erreichen. Auch Ex-Ministerpräsident Sigmar Gabriel ist bei seinem politischen Comeback ungefährdet – doch wird er in Salzgitter-Wolfenbüttel (auch hier produziert VW) an den 56,8 Prozent seines populären Vorgängers Wilhelm Schmidt, rechte Hand von Franz Müntefering in der SPD-Fraktion, gemessen werden.

In Nordrhein-Westfalen droht der SPD der Verlust von bis zu 20 Direktmandaten. Sicher mit einem Sieg kann die Kanzlerpartei nur noch in den Kerngebieten des Ruhrgebiets rechnen. Und auch in Köln dürfte die SPD die Nase vorn behalten. Ansonsten aber wird sich die Wahlkarte des einst so roten NRW schwarz färben – wie schon bei der Landtagswahl im Mai. Zu den „Opfern“ bei den Direktmandaten könnte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt gehören, in deren Wahlkreis Aachen mit einem knappen Ergebnis zu rechnen ist. In Leverkusen richtet sich der Blick darauf, ob der Quereinsteiger Karl Lauterbach, Professor und Vordenker der SPD-Gesundheitspolitik, bei seiner Premiere ein Direktmandat bekommt.

Die Universitätsstädte Münster und Bonn, 2002 knapp an die SPD gegangen, werden wohl wieder von der CDU geholt. In Bonn geht es allerdings auch für FDP-Chef Guido Westerwelle darum, wieder das beste Erststimmenergebnis seiner Partei bundesweit zu bekommen. Auch in Bielefeld könnte es zwischen SPD (2002 gewann dort der Wirtschaftspolitiker Rainer Wend) und CDU knapp werden, falls die vielen Grünen-Wähler dort dieses Mal ihre Stimmen nicht so stark splitten. In Düsseldorf dürfte sich die Merkel-Vertraute Hildegard Müller gegen den SPD-Linken Michael Müller durchsetzen. Spannend wird es auch im Hochsauerlandkreis: Dort lautet freilich die Frage, wie nahe CDU-Finanzpolitiker und Enfant terrible Friedrich Merz der 60-Prozent-Marke kommt.

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