Politik : Im Zentrum

Osama bin Laden wohnte in Pakistan in der Nähe von Militär und Geheimdienst – das bringt die Regierung in Erklärungsnot

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Ruf nach Vergeltung. Vertreter der islamistischen Partei Jamiat Ulema-e-Islam protestieren im pakistanischen Quetta gegen die US-Militäraktion, bei der der Al-Qaida-Gründer bin Laden getötet wurde. Foto: Musa Farman/dpa
Ruf nach Vergeltung. Vertreter der islamistischen Partei Jamiat Ulema-e-Islam protestieren im pakistanischen Quetta gegen die...Foto: dpa

Nach dem Tod Osama bin Ladens erscheint Pakistan wieder einmal im Zwielicht. Bin Laden hielt sich all die Jahre offenbar doch in dem südasiatischen Staat versteckt. Immer wieder war dies vermutet worden, immer wieder gab es entsprechende Gerüchte. Doch Pakistans Regierung und Militär hatten dies immer empört abgestritten. Nun stehen sie blamiert oder als Lügner da. Doch vor allem der angebliche Aufenthaltsort Osama bin Ladens macht fassungslos und wirft Fragen auf. Der Al-Qaida-Gründer musste sich nicht etwa in einer unwirtlichen, finsteren Höhle verstecken. Nein, der meistgesuchte Mann der Welt wohnte offenbar unbehelligt in einem der besseren Wohnviertel Abbottabads direkt vor der Nase von Pakistans sonst allwissendem Militär und Geheimdienst.

Man kann getrost behaupten, dass sich ein netteres Versteck für bin Laden in Pakistan kaum hätte finden können. Abbottabad ist alles andere als ein erbärmliches Kuhdorf. Die Garnisonsstadt liegt nur eine Stunde Autofahrt nordöstlich von Islamabad und dem Hauptquartier von Pakistans Militär. Sie gilt als eine der schönsten Städte Pakistans, 1256 Meter über dem Meeresspiegel in einem romantischen Tal gelegen und von lieblichen Hügeln umgeben. Und es wimmelt von Militärs. Hier hat die renommierteste Militärakademie des Landes, das pakistanische Äquivalent zur amerikanischen Offiziersausbildungsstätte West Point, ihren Sitz. Bereits 2005 soll das Gebäude für bin Laden erbaut worden sein. Ob er bereits seit Jahren dort lebte, ist noch unklar. Aber es sei kaum vorstellbar, dass der mächtige pakistanische Geheimdienst ISI mit seinen tausend Augen und Ohren keinen blassen Schimmer von seinem Aufenthaltsort hatte, meinen Beobachter.

Tatsächlich stützt dies eher die Version, dass das Anwesen nicht bin Ladens Versteck, sondern in Wahrheit sein Gefängnis war. Das Viertel sei immer so sicher, so bewacht gewesen, wunderten sich denn auch völlig verdutzte Anwohner nach der Sensationsnachricht. Spielt Pakistan, einer der wichtigsten Verbündeten der USA im Kampf gegen Taliban und die Al Qaida, ein mieses Doppelspiel? Oder war es in Wahrheit Pakistans Militär, das bin Laden nun zum Abschuss freigab und den USA überließ? Die Antwort ist noch nicht ausgemacht. Sowohl den USA als auch Islamabad könnte bin Ladens Tod derzeit zeitlich höchst gelegen kommen. Denn er ebnet auch den Weg für den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan, der dieses Jahr beginnen soll. US-Präsident Barack Obama kann nun stolz postulieren, dass die USA ihr Hauptziel, die Schwächung der Al Qaida und die Vergeltung des Anschlags vom 11. September 2001, erreicht haben und als Sieger am Hindukusch abziehen.

Auch Pakistan hat ein Interesse daran, dass die Amerikaner Afghanistan möglichst bald verlassen. Für Islamabad wäre es aber fatal, wenn es in der islamischen Welt als Verräter bin Ladens dasteht, der den gefangenen und wehrlosen Al-Qaida-Gründer den Amerikanern faktisch zur Hinrichtung überlassen hat. Extremisten aus aller Welt würden das Land mit einem Krieg überziehen, der den Atomstaat destabilisieren könnte. Tatsächlich drohten die pakistanischen Taliban nach dem Tod bin Ladens der Regierung in Islamabad und den USA mit Vergeltung. Als erstes würden führende pakistanische Politiker, allen voran Präsident Asif Ali Zardari, und Vertreter des Militärs angegriffen. An zweiter Stelle stünden die USA. Die im Gazastreifen regierende Hamas-Regierung bezeichnete bin Laden als „heiligen Krieger der arabischen Welt“.

US-Präsident Barack Obama blieb unterdessen auffällig vage, was die Rolle Pakistans betraf. „Über die Jahre habe ich wiederholt deutlich gemacht, dass wir auch in Pakistan zuschlagen, wenn bin Laden dort ist. Das haben wir getan. Aber es ist wichtig, zu bemerken, dass unsere Zusammenarbeit mit Pakistan geholfen hat, uns zu bin Laden und zu seinem Versteck zu führen“, sagte Obama. Medien berichteten, Pakistan sei teils eingebunden gewesen. Dies wolle Islamabad aber nicht an die große Glocke hängen – aus Angst vor Racheakten.

So erklärte eine Sprecherin des pakistanischen Außenministeriums lediglich, dass die Aktion die „Entschlossenheit der internationalen Gemeinschaft einschließlich Pakistans“ zeige, den Terror weltweit bekämpfen und besiegen zu wollen. Anders als der Chef des Geheimdienstes ISI ging sie nicht auf Pakistans mögliche Rolle bei der Aktion ein.

Die Vorsicht der pakistanischen Behörden ist berechtigt. Fast überall im Süden Asiens herrschten am Montag Nervosität und Sorge. Die USA erließen eine Reisewarnung für Pakistan. Auch Indien rief am Montag umgehend die höchste Alarmstufe aus. mit rtr/dpa

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