Politik : Im Zirkus der traurigen Klone

DER KOPIERTE MENSCH

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Von Hartmut Wewetzer

Der Wettbewerb um das erste Klonbaby scheint entschieden zu sein. Nicht der italienische Frauenarzt Severino Antinori, sondern die UfoSekte der Raëlianer behauptet, bereits den ersten geklonten Menschen zur Welt gebracht zu haben. Da sind Zweifel angebracht, denn Beweise hat das Raëlianer- Unternehmen „Clonaid“ (noch) nicht vorgelegt. Seriöse Wissenschaftler sind skeptisch, weil sie nicht glauben, dass die Sekte über das nötige Know-how verfügt. Aber es könnte sein. Und wenn es sich trotz aller Einwände bewahrheitet, dann kann man fast von einer Zäsur in unserer Geschichte sprechen. Das erste Mal ist es gelungen, die genetische Kopie eines erwachsenen Menschen zu erzeugen. Dieser Mensch entstammt nicht mehr der Verschmelzung von mütterlicher Ei- und väterlicher Samenzelle, sondern nur dem Erbgut eines Vaters oder einer Mutter.

Ist das der Beginn eines neuen Zeitalters der Menschenzüchtung? Was mit dem Klonschaf Dolly 1997 begann, ist nun jedenfalls auch für den Menschen in ganz greifbare Nähe gerückt. Es ist eine unheimliche Vorstellung, dass künftig genetische Kopien den Erdball in Massen bevölkern könnten. Die Idee der genetischen Uniformität macht Angst, und dass es nun einer abstrusen Sekte geglückt sein soll, einen Menschen zu kopieren, verstärkt die Befürchtungen noch.

Die kanadische Raëlianer-Sekte sieht das Klonen als einen Schritt zur Unsterblichkeit an. Die ersten Menschen sollen vor 25000 Jahren von Außerirdischen geklont worden sein, glauben ihre Anhänger. Von dieser abstrusen Vorstellung einmal abgesehen, irrt die Sekte ebenso mit der Annahme, Klonen würde dem Geklonten ein Stück Ewigkeit geben. Auch wenn die Hoffnung auf genetische Unsterblichkeit offenbar ein weit verbreiteter Antrieb unter Menschen ist, die sich klonen lassen wollen. Dahinter verbirgt sich nicht selten schierer Egoismus.

Falsch ist dieser Glaube deshalb, weil wir mehr sind als nur ein Genprodukt. Jeder Mensch, Klon oder nicht, ist ein einzigartiges Individuum. Diese tröstliche Erkenntnis gilt schließlich schon für eineiige Zwillinge, die ebenfalls Klone sind (allerdings solche mit Vater und Mutter). Und sie gilt umso mehr für die genetische Kopie eines bereits existierenden Menschen, denn er wird in einer ganz anderen Umwelt als sein Vorläufer groß. Ebenso ist es eine irrige Vorstellung, man könne erwünschte Eigenschaften beliebig vermehren, indem man Klone von Menschen wie Einstein oder Mozart herstellte. Genie lässt sich nicht klonen. Hoffentlich auch kein Diktator.

Das entscheidende Argument gegen das Klonen aber ist die Tatsache, dass es sich um ein verantwortungsloses Menschenexperiment mit ungewissem Ausgang handelt. Es war Ian Wilmut, der Erzeuger des Klonschafs Dolly, der unter der Überschrift „Klont keine Menschen!" eindringlich davor warnte, sein Verfahren auf den Menschen auszudehnen. Denn es ist bis heute wenig erfolgreich. Wilmut brauchte 276 Versuche, bis das Klonen ein einziges Mal glückte. Die Erfolgsrate bei anderen Tieren liegt bei bestenfalls ein bis zwei Prozent. Hinzu kommt das Risiko von Fehlgeburten und Missbildungen. Und schließlich weiß niemand, wie sich das Klonverfahren auf das Erbmaterial auswirkt. Einiges spricht dafür, dass Klone schneller altern, weil ihre Lebensuhr bei der „Zeugung“ nicht auf Anfang gestellt wurde. Schon heute können einem die Klonkinder Leid tun.

Bei ihrer Pressekonferenz gab sich die Vertreterin der Raëlianer alle Mühe, als Verkörperung des Fortschrittsglaubens und der Nächstenliebe aufzutreten – es gehe schließlich nur darum, Menschen ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Wenn man sich die Tatsachen des Klonens vor Augen hält, fällt es schwer, nicht eher skrupellose Geschäftemacherei hinter den Umtrieben der Sekte zu sehen. Umso beschämender ist es, dass die Vereinten Nationen sich bislang nicht zu einem international gültigen Klonverbot durchringen konnten und das Thema auf September 2003 vertagten. Das Klonverbot scheiterte an der Maximalforderung der USA, die sowohl das reproduktive Klonen – also das Menschenkopieren – als auch das therapeutische Klonen für medizinische Zwecke verbieten lassen wollten. Die Ironie daran: Bis heute ist beides in den USA nicht ausdrücklich verboten.

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