Politik : Im Zweifel für das Leben

Über die vermissten Deutschen kursieren unterschiedliche Zahlen. Der Krisenstab im Auswärtigen Amt nennt 3200 zu hoch

Barbara Junge Hans Monath

Berlin - Mit drastischen Worten hat die Bundesregierung am Montag einen Zeitungsbericht dementiert, wonach seit dem Seebeben in Südasien 3200 Deutsche vermisst sein könnten. Als „schlicht und einfach unverantwortlich“ und falsch wies der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg die Darstellung zurück. Es sei erkennbar, dass die Zahl der Vermissten geringer sei, als die bloße Auflistung von Namen nahe lege. Zum Teil seien Namen von Personen mehrfach aufgeführt, zum Teil seien als vermisst gemeldete Deutsche längst wieder zurück in ihrer Heimat, sagte Steg. Auch der stellvertretende Leiter des Krisenstabes im Auswärtigen Amt (AA), Staatssekretär Klaus Scharioth, erklärte am Montag, „dass die Zahl der Hinweise sehr viel höher liegt als die Zahl der Vermissten“. Die Bundesregierung stütze ihre Angaben auch mit Rücksicht auf die Opfer und die Vermissten nur auf belastbare Zahlen. „Die Zahl der Vermissten liegt weiter sehr deutlich über 1000“, sagte Scharioth. Er selbst habe die Zahl 3200 im Krisenstab nie gehört.

Die Gründe, die deutsche Regierungsvertreter am Montag als Beweis dafür anführten, dass solche Zahlen weit übertrieben seien, klingen plausibel. Danach müssen die Beamten zunächst jeden Hinweis auf Vermisste in ihre Aufstellungen übernehmen. Dabei spielt es keine Rolle, ob beispielsweise ein Tourist vage von einem anderen deutschen Hotelgast berichtete, der im Moment der Katastrophe verschwunden sei, oder ob Verwandte in Deutschland eine Vermisstenanzeige aufgeben, weil sie ihre Angehörigen in der Krisenregion wissen und von ihnen nichts gehört haben.

Solange nicht erwiesen ist, dass die betreffende Person lebendig oder tot gefunden und sicher identifiziert ist, bleibt ihr Name auch auf der Liste. Schreibfehler tragen schließlich dazu bei, dass ein Name mehr als einmal aufgeführt wird, obwohl es sich bei genauem Hinsehen um ein und dieselbe Person handelt. Erst durch komplizierte Recherchen aber lässt sich nachweisen, dass beispielsweise ein Deutscher namens „Meier“ identisch ist mit einem „Mr. Myer“, den ein englischsprachiger Offizieller aus Thailand als tot aufgefunden an die deutsche Botschaft gemeldet hat. Laut Scharioth kommt es in Katastrophenfällen in ähnlichen Listen regelmäßig nicht nur zu Doppel-, sondern sogar zu Mehrfachnennungen von Vermissten.

Auch wenn die genauen Opferzahlen noch nicht feststehen – noch nie in der jüngeren Vergangenheit wurden so viele Deutsche Opfer einer Katastrophe wie jetzt in Südasien. Durch die Gewalt der Natur starben im Jahr 1999 insgesamt 30 deutsche Touristen, als im Tiroler Paznautal Lawinen abgegangen waren und Dutzende Menschen töteten. Auch der Wintersturm Lothar, der vor genau fünf Jahren, am 26. Dezember 1999, über Süd- und Südwestdeutschland zog, tötete etwa 20 Menschen.

Der Großteil der Deutschen, die Opfer eines Unglücks wurden, starb bislang bei Flugzeugabstürzen. Das Identifikationsteam des Bundeskriminalamts, das derzeit in Thailand im Einsatz ist, wurde 1972 gegründet, als beim misslungenen Start des Ferienfliegers Spantax von Teneriffa 165 Passagiere umkamen, darunter 144 Deutsche. Eine der größten Flugzeugkatastrophen ereignete sich ebenfalls bei Teneriffa. Zwei Jumbojets, einer von KLM, einer von Pan Am, kollidierten am 27. März 1977 über dem Flughafen von Teneriffa. 583 Menschen starben, darunter viele deutsche Urlauber. Am 7. Februar 1996 stürzte eine Boeing 757 der türkischen Birgenair auf dem Flug von der Dominikanischen Republik nach Deutschland kurz nach dem Start ins Meer – 189 Menschen starben, darunter 165 Deutsche. In Paris starben am 25. Juli 2000 beim Absturz einer Concorde 114 Menschen, 97 davon waren Deutsche.

Auch die anderen Unglücke, bei den deutsche Opfer zu beklagen waren, sind technischer Natur. Mehr als 100 Menschen kamen am 3. Juni 1998 beim Zugunglück von Eschede ums Leben. Und beim Brand einer Seilbahn im österreichischen Ski-Ort Kaprun waren im November 2001 unter den 155 Toten Urlaubern 37 Deutsche.

Auch Fluten haben in Deutschland schon Verheerungen angerichtet. Noch frisch sind die Erinnerungen an das Hochwasser in Ostdeutschland im Sommer 2002. Die letzte große tödliche Flut traf Hamburg am 16. und 17. Februar 1962. Damals starben 317 Menschen, 20 000 wurden obdachlos. Im Jahr 1717 riss die so genannte Weihnachtsflut am 24. Dezember unter anderem auf Langeoog, Spiekeroog und Juist 12 000 Menschen in den Tod.

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