Politik : Im Zweifel für den Patienten

Hausärzte halten nichts von „Dienst nach Vorschrift“

Rainer Woratschka

Die Wut richtet sich nicht gegen die Ministerin, sondern gegen die eigenen Standesvertreter. Bei der Drohung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), aus Protest gegen die rot-grüne Gesundheitspolitik tageweise Arztpraxen zu schließen, handle es sich um ein „Diktat“, sagt Eberhard Mehl, Hauptgeschäftsführer des Hausärzteverbandes. „Mit uns war diese Aktion nicht abgesprochen. Wir werden sie auch nicht unterstützen.“

Ihren Ärger gaben die Hausärzte dem KBV-Chef schriftlich. Manfred Richter-Reichhelm rufe zu „völlig untauglichen Protestmaßnahmen auf, die ins Leere laufen müssen“, schrieb ihm Vorstandsvize Ulrich Weigeldt. „Was soll denn ein Hausarzt auf dem Lande mit dem Vorschlag anfangen, einen freien Mittwoch einzuführen? Dass er am Dienstag vor- und am Donnerstag nacharbeitet oder in der Nacht im Notdienst die Versorgung nachholen muss?“ Nur Fachärzte könnten sich solchen Protest leisten, sagt Mehl. „Ein Röntgenbild oder eine Gastroskopie kann mal zwei Tage warten, nicht aber ein depressiver Anfall.“ Seine Prognose: Die „moralische Verpflichtung“ der 40 000 Hausärzte werde Praxenschließungen nicht zulassen. Die enge Beziehung zum Patienten vertrage sich nicht mit „Dienst nach Vorschrift“.

Richter-Reichhelm sei der Basis offenbar schon allzu „weit entrückt“, heißt es in dem Brief, der dem Tagesspiegel vorliegt. Dabei wehren sich auch die Hausärzte gegen die verordnete Nullrunde. „Wir sind nicht gegen Proteste“, stellt Mehl klar. Nur: Sie müssten konstruktiv sein und dürften „nicht dazu führen, dass die Ärzteschaft politikunfähig wird“. Die Kritik gilt KBV wie Ärztekammer. Beide, so die Hausärzte, agierten zu aggressiv. Die Reformpläne enthielten auch positive Ansätze, „es lohnt sich mitzugestalten“.

Besonders gefällt den Hausärzten Ulla Schmidts Versprechen, ihnen in der KBV ein eigenes Verhandlungsmandat zu verschaffen. Seit langem fühlen sie sich dort in Honorarfragen von den Fachärzten übergangen. Und für den geplanten Hausarzt-Tarif (Kassenrabatte für diejenigen, die zunächst Allgemeinmediziner aufsuchen) sind sie der Ministerin geradezu dankbar. Den Fachärzten hingegen, die laut Hausärzteverband allzu oft auf ihre ganzheitlich praktizierenden Kollegen heruntersahen, drohen härtere Zeiten.

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