Politik : Im Zweifel für die Regierung

Warum Demoskopen die Stimmung für die Linkspartei nicht so ernst nehmen

Armin Lehmann

Berlin - Wahlforscher sind Perfektionisten. Wenn ihre Prognosen nur um einige Zehntelprozent abweichen, trifft sie das hart. Wahlforscher sind aber auch misstrauische Menschen und deshalb zurzeit besonders auf der Hut vor dem Phänomen Linkspartei. Bei der Sonntagsfrage sehen die Wahlforschungsinstitute die Linkspartei im zweistelligen Bereich. Infratest dimap hat sie bei 12 Prozent justiert, die Forschungsgruppe Wahlen bei zehn. Die nackten Zahlen wirken wie eine Sensation im eingefahrenen Politikbetrieb, aber was sagen sie wirklich aus über die Stimmensubstanz?

In ihre Analysen bauen die Demoskopen ein Sicherheitsnetz ein. „Da mit Umfragen nur Stimmungen in der Bevölkerung gemessen werden, sind Schlussfolgerungen auf eine mögliche Wahlentscheidung nicht zulässig“, heißt es da. Weniger vorsichtig ausgedrückt bedeutet das im Fall der Linkspartei: Sie wird noch an Stimmen verlieren. Und warum?

Dieter Roth ist seit über 30 Jahren im Geschäft, war 1974 Mitbegründer der Forschungsgruppe Wahlen. Roth sagt: „Sie haben bei einer hohen Unzufriedenheit im Land generell für eine neue Partei ein Potential von zwölf bis fünfzehn Prozent.“ Aber das dürfe niemand zu ernst nehmen, schon gar nicht zu Beginn eines Wahlkampfes. Roth spricht aus Erfahrung und verweist auf Trends: Zum Beispiel auf den Trend zur „pro-gouvernementalen Entscheidung“. Seit Beginn der neunziger Jahre entscheiden sich Wähler immer später und tendenziell immer öfter für die Regierung. Richard Hilmer von Infratest Dimap sagt: „Es wäre bemerkenswert, wenn sich das Protestverhalten in dem derzeit gemessenen Umfang am Ende in reale Stimmen niederschlägt.“

Der Stimmung für die Linkspartei steht im merkwürdigen Kontrast zu der ihr zugewiesenen Kompetenz. Für 70 Prozent der Bundesbürger ist die Linkspartei keine echte Alternative. In kaum einem relevanten Sachthema wird ihr und ihren Spitzenkandidaten Oskar Lafontaine und Gregor Gysi Kompetenz bescheinigt.

Hilmer hält es deshalb für „sehr wahrscheinlich, dass die Wähler am Ende mitentscheiden wollen, wer die nächsten vier Jahre regiert. Sie werden nicht nur Protest wählen wollen“. Deshalb werde die Linkspartei noch an Stimmen verlieren. „Dafür garantiert auch der enorm hohe plebiszitäre Charakter der Wahl“, sagt Hilmer. Und Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen warnt: „Erst wenn sich die Werte für die Linkspartei in den nächsten drei bis vier Wochen stabil halten, muss man die momentane Stimmung für die Partei ernster nehmen.“ Allerdings sei die Linkspartei nur dann erfolgreich zu bekämpfen, wenn man sich ernsthaft mit ihr auseinander setze.

Auch der Höhenflug der Linkspartei im Osten reizt die Demoskopie zu allerlei Interpretationsversuchen. Ein Gedanke setzt auf den Faktor Ferienzeit und kombiniert ihn mit der ökonomischen Situation. Wenn sich also vor allem diejenigen für die Linkspartei interessieren, die wenig Geld haben, dann weilen die ganz bestimmt nicht im Urlaub. Will heißen: Viele, die derzeit nicht auf die Linkspartei setzen, sind gar nicht da – und können dementsprechend auch nicht befragt werden.

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