Im zweiten Wahlgang : Fritz Kuhn wird Oberbürgermeister in Stuttgart

Als erster Grüner darf Fritz Kuhn künftig eine deutsche Landeshauptstadt regieren. Der umstrittene Bahnhofsneubau in Stuttgart ist nun sein Problem. Bei der CDU herrschen derweil Wut und Enttäuschung.

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Herr der Autostadt. Fritz Kuhn (vorne) setzt sich in der Stichwahl durch. Foto: dpa
Herr der Autostadt. Fritz Kuhn (vorne) setzt sich in der Stichwahl durch. Foto: dpaFoto: dapd

Dreißig Meter sind es von der Fahrstuhltür bis aufs Podium des Sitzungssaals. Ministerpräsident Winfried Kretschmann und sein alter Freund und Weggefährte Fritz Kuhn brauchen eine Viertelstunde dafür. Sie quetschen sich durch Anhänger und Medienleute. Aber was ist das schon angesichts der Jahrzehnte, die sich die Grünen vorbereitet haben auf die Machtübernahme im Stuttgarter Rathaus. Rezzo Schlauch stehen ein paar Tränchen im Auge, „Freudentränen“, poltert er, und das Lebkuchenherz mit dem Wappen-Rössle und der Aufschrift „Fritz“ zerbröselt. Stuttgart hat einen neuen OB, und Kuhn hat erreicht, was Schlauch 16 Jahre zuvor vergeblich versucht hat. Kuhn erhielt bei der Wahl am Sonntag nach dem vorläufigen Endergebnis 52,9 Prozent der Stimmen, wie das Wahlamt der Stadt am Abend bekannt gab. Auf Sebastian Turner, den parteilosen Kandidaten von CDU, FDP und Freien Wählern, kamen 45,3 Prozent der Stimmen.

Der erste Applaus war schon eine Viertelstunde vor Schließung der Wahllokale aufgebrandet. Sie schoben den bis heute hoch geschätzten Ex-OB Manfred Rommel im Rollstuhl herein. „Ich bin immer in gehobener Stimmung, wenn ich das Rathaus betrete“, flüsterte er, und setzte hinzu: „Mir isch‘ jeder recht, der eine mehr, der andere weniger.“ Der Christdemokrat hatte sich für Sebastian Turner engagiert. Als Rommel kurz darauf den Ratssaal wieder verließ, war bereits klar: Sein Mann hat verloren.

„Stuttgart hatte immer schon eine linke Mehrheit“, tröstet sich Hans-Ulrich Rülke, der FDP-Fraktionschef im Landtag. „Ich sehe nicht, dass Baden-Württemberg jetzt im Ganzen ergrünt.“ Neben ihm besinnt sich eine ältere Dame: „Das Land hat gottseidank viele vernünftige Unternehmer. Ohne die kann der Kuhn gar nichts.“ Schon werden oben im Ratssaal vereinzelt „Oben bleiben“-Rufe laut aus den Reihen der Bahnhofsgegner. Unten, auf dem Marktplatz, skandieren sie mal wieder den „Lügenpack“-Chor. Den scheidenden OB Wolfgang Schuster hat diese Form des Streits zermürbt, ab jetzt aber ist der Bahnhofsneubau Kuhns Problem.

Die zerstrittene Stuttgarter CDU ist enttäuscht, mancher sogar wütend. „Das war eine Niederlage mit Ansage“, sagt ein ehemaliger Regierungssprecher, er wirft Turner „Mappus-Methoden“ vor. Die letzten beiden Wochen hatte der den Ton verschärft und in alten Grünen-Klischees gewühlt. Auch FDP-Mann Rülke fand das unglaubwürdig: „Man kann nicht monatelang Kuschelwahlkampf machen und dann erst angreifen.“ Dabei hat es Turner sonst an Einsatz nicht fehlen lassen. Weder an Presseerklärungen, noch an der Hilfe von Parteiprominenz. Turners Wahlkampf soll mehrere Hunderttausend Euro verschlungen haben. Warum hat er dann trotzdem verloren? Die vielen Unterstützer könnten eher den Eindruck vermittelt haben, der Werber sei enger im politisch-wissenschaftlich-wirtschaftlichen Netzwerk eingebunden als bei den Stuttgarter Bürgern.

„Vor allem aber ist er unterlegen, weil er den Besserwessi gab“, sagt ein Spitzenmann der CDU. Zumal am Anfang der Kampagne sprühte Turner vor Ideen, was alles falsch laufe und wie die Rathausverwaltung zu reformieren sei. Erst durch das rechtliche Kleinklein gebremst, das man ihm von höchster Stelle aus erläuterte, steuerte Turner um und sagte, dass die Stadt nun doch schon bestens verwaltet werde und er sich deshalb um Anderes kümmere.

Kuhn hingegen hat im Wahlkampf gerne zugehört. „Man muss sich nicht scheuen zu fragen, was andere besser können“, sagte er. Gleichwohl kam auch er bisweilen akademisch und oberlehrerhaft rüber, aber er arbeitete sich längst nicht so heftig an seinem Konkurrenten ab wie Turner an ihm. Er ist kein Werbefachmann, aber er weiß: „Mit negativen Wahlkampagnen gewinnt man nicht.“

Es sei überhaupt kein Trost, sagt ein Christdemokrat, dass Turner der CDU ja gar nicht angehöre. „Die CDU trifft nicht das Lebensgefühl der Städter.“ Stuttgart ist die erste grün regierte Landeshauptstadt, aber nur zwei andere, Düsseldorf und Dresden, sind noch in CDU-Hand.

„Und der VfB“, ist Kuhns erster Satz als designierter Rathauschef, „der VfB hat auch gewonnen.“

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