Im BLICK : Frankreichs Afghanistan

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Ist die Sahelzone für Frankreich das, was Afghanistan für die USA ist“, fragte die Pariser Zeitung „Le Figaro“ nach dem tragischen Ende der Geiselnahme zweier Franzosen in Niger. Die beiden jungen Männer Antoine de Léocour und Vincent Delory waren am Abend des 7.Januar von bewaffneten Männern aus einem Restaurant in der Hauptstadt Niamey entführt worden. Bei der anschließenden Verfolgung durch nigerische Sicherheitskräfte und Spezialeinheiten der französischen Armee waren beide sowie drei Gendarmen und vier der Kidnapper ums Leben gekommen. Der eine war von den Terroristen durch Kopfschuss getötet worden. Die Leiche des anderen weist ebenfalls Schusswunden auf, ist aber halb verkohlt, was Fragen nach dem Hergang der Verfolgung aufwirft. War er ebenfalls ermordet worden oder kam er in dem Feuer um, das durch Schüsse der Verfolger auf das Fluchtauto entstanden war?

Ende vergangener Woche bekannte sich die Terrororganisation „Al Qaida des Islamischen Maghreb“ (Aqmi) zu der Entführung. Die aus dem algerischen Bürgerkrieg übrig gebliebene Bewegung religiöser Wüstenkrieger hat Frankreich als Vergeltung für seine Unterstützung des Regimes in Algier Rache geschworen. Es war nicht das erste Mal, dass sie Franzosen entführte. Doch jetzt war es das erste Mal, dass Frankreich, ohne Forderungen der Kidnapper abzuwarten, sofort militärisch zuschlug. Den Einsatz der in der Region mit Helikoptern und Aufklärungsflugzeugen stationierten Spezialkräfte hatte Präsident Nicolas Sarkozy selbst befohlen.

Sarkozys Botschaft an die Terroristen ist eindeutig: „Frankreich beugt sich keinem Diktat.“ Noch vor einem Jahr hatte Paris den in Mauretanien entführten Entwicklungshelfer Pierre Camatte gegen ein hohes Lösegeld freigekauft. Als sich die Hoffnung zerschlug, den im April 2010 entführten Entwicklungshelfer Michel Germaneau ebenfalls freizubekommen, befahl Sarkozy eine Militäraktion. Nach deren Fehlschlag gab Aqmi die Hinrichtung der Geisel bekannt. In der Überzeugung, dass die Terroristen ihm keine andere Wahl als den Einsatz von Gewalt lassen, sieht sich Sarkozy durch die Forderung bestärkt, die Aqmi im September nach der Entführung von fünf Franzosen aufstellte: direkte Verhandlungen mit Al- Qaida-Chef Bin Laden.

Für Frankreich steht viel auf dem Spiel. Tausende Franzosen leben und arbeiten in der Sahelzone. Im Norden von Niger schürft der Nuklearkonzern Areva Uran. Diese Interessen gilt es zu schützen. Nach der Tragödie von Niamey steht die Nation zu ihrem Präsidenten. Die politische Klasse demonstriert Einmütigkeit. Doch Fragen bleiben nicht aus. Wie weit ist Frankreich zu gehen bereit? Auch in Afghanistan und in Somalia sind Franzosen als Geiseln gefangen. Gibt es für den Einsatz von Gewalt gegen Terroristen nicht doch Grenzen? Sie habe immer geglaubt, dass das Überleben von Mitbürgern Vorrang habe, erklärte die Grünen-Politikerin Cécile Duflot. In einem offenen Brief beklagten sich Freunde der beiden Opfer darüber, dass Franzosen „auf dem Altar okkulter strategischer Orientierungen“ geopfert wurden. Für Sarkozy ist es ein Dilemma. Nichts zu tun und abzuwarten wäre „schuldhafte Schwäche“, hat er gesagt. Doch den Terroristen das Risiko ihres Handelns zu demonstrieren, schließt auch ein Risiko für die Geiseln ein. Ob es in Niamey gerechtfertigt war, wird man nie wissen.

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