Im BLICK : In Abgrenzung vereint

Claudia Keller über das schwierige Verhältnis zwischen den Kirchen

Claudia Keller

Ein bisschen ist es wie mit frisch geschiedenen Eheleuten. Die schmerzvollen Szenen der Entfremdung sind nicht vergessen, das Eis ist dünn, jedes falsche Wort wird zur Verletzung. An falschen, an abwertenden Worten hat es nicht gefehlt, wenn Katholiken und Protestanten in den vergangenen Jahren übereinander gesprochen haben. Das interne Papier aus dem Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), das vergangene Woche katholische Würdenträger zu Recht gekränkt hat, ist nur ein weiteres Beispiel.

An der Basis lässt man sich die enge Nachbarschaft dadurch nicht vermiesen, man feiert zusammen, hält Gottesdienste und engagiert sich gemeinsam gegen Umweltverschmutzung, Abtreibung und für Religionsunterricht. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg gab es so viel ökumenischen Aufbruch wie in den 400 Jahren zuvor nicht. 1999 räumte man sogar mit der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre einen der grundsätzlichen Streitpunkte seit der Reformation aus dem Weg. Doch seitdem ist das Klima frostig geworden.

Im Jahr 2000 sprach das vatikanische, von Kardinal Joseph Ratzinger unterschriebene Lehrschreiben „Dominus Jesus“ den Protestanten ab, „Kirche im eigentlichen Sinne“ zu sein. Die evangelische Kirche unter dem Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber setzte der Abwertung aus Rom 2005 die „Ökumene der Profile“ entgegen: statt Gemeinsamkeiten zu suchen, sollten jetzt die Unterschiede auf den Tisch kommen. Ratzinger, inzwischen Papst Benedikt XVI., konterte 2006 mit seiner Regensburger Rede, in der er den Protestanten mitteilte, seit der Reformation gehe es mit dem Christentum bergab. Die evangelische Kirche profiliert sich jetzt als „Kirche der Freiheit“, was wiederum der Gegenseite missfällt. „Sind wir etwa die Kirche der Unfreiheit?“, fragen katholische Bischöfe.

Beide Kirchen stehen vor der schwierigen Aufgabe, in der säkularen Welt erkennbar zu bleiben, auch gegenüber der eigenen Klientel. Die Schärfung des Profils soll die Identität klären. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn die Aufwertung weniger über die Abwertung der anderen geschehen würde. Zumal immer weniger Menschen verstehen, warum sich die Kirchen derart aneinander abarbeiten. Für sie ist Kirche drin, wo ein Kirchturm drauf ist, egal, ob katholisch oder evangelisch. Machen die katholischen Piusbrüder Ärger, treten die Leute auch aus der evangelischen Kirche aus.

Nach dem jüngsten Krisengipfel wegen des EKD-Papiers beteuerten beide Seiten, künftig noch stärker aufeinander zugehen zu wollen. Besser wäre vielleicht, wieder etwas auseinanderzurücken und sich nicht mehr so sehr aneinander zu messen. So könnten Katholiken und Protestanten ihre Besonderheiten pflegen, selbstbewusst und gelassen. Wie wäre es mit der „Ökumene des Respekts“ als neues Leitwort? Je mehr der technische Fortschritt nach neuer ethischer Orientierung verlangt, umso sensibler hören die Menschen wieder hin, was die Kirchen zu sagen haben. Darin liegt die große Chance für Protestanten wie Katholiken. Debatten darüber, ob nur ein katholischer Bischof ein Bischof „im eigentlichen Sinne“ ist, schrecken eher ab.

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