Im BLICK : Iran: Uran eint

Andrea Nüsse über falsche Hoffnungen auf einen Regimewechsel in Iran.

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Manch westlicher Kommentator und Politiker hofft auf einen Sieg der „grünen“ Opposition und damit ein Ende des Atomstreits mit Iran. Doch das ist ein Irrglaube. Denn auch diejenigen, die mehr Freiheit und demokratische Rechte einfordern, stehen hinter Irans Atomprogramm. Dass man wie andere große Nationen aus eigener Kraft und Forschung einen vollen Zirkel der Urananreicherung entwickeln will, ist gesellschaftlicher Konsens. Nicht unbedingt der Bau einer Atombombe, aber die will das Regime angeblich ja auch nicht. Was sich bei einem politischen Wechsel ändern würde, wäre lediglich das Umfeld: Keine Drohungen gegen Israel mehr, keine Polemik, mehr diplomatisches Feingefühl und Berechenbarkeit.

Verständlich wird der nationale Schulterschluss in Sachen Atom vor historischem Hintergrund. Iran hat eine traumatische Geschichte fremder Invasionen und Besatzungen hinter sich. Griechen, Araber, Türken und Mongolen überrannten das Reich und veränderten immer wieder seine Grenzen. Seit der islamischen Eroberung ab 633 bis 1501 wurde das Gebiet fremd regiert oder von kurzlebigen einheimischen Dynastien. Im 18. Jahrhundert fielen Afghanen, Osmanen und Russen ein. Die Russen nahmen sich das heutige Aserbaidschan. Im 20. Jahrhundert waren es Briten, Amerikaner und Russen, die hier nach Gutdünken ihre Interessen durchsetzten.

Zunächst teilten Briten und Russen das Land in Einflussgebiete auf, um sich das Öl zu sichern, das 1908 entdeckt wurde. Die Briten setzten den ihnen wohlgesonnenen Schah Reza Pahlevi auf den Pfauenthron. Gemeinsam mit den Amerikanern stürzten sie dann 1953 die Regierung von Premier Mohammed Mossadegh, der die Ölproduktion nationalisiert hatte. Im Krieg zwischen Irak und Iran unterstützten diese Länder Saddam Hussein. Diese Erfahrungen haben die Iraner traumatisiert. Sie erklären das gesteigerte Bedürfnis nach Souveränität und Unabhängigkeit, das auch im Stolz auf das eigene Atomprogramm seinen Niederschlag findet. Das Misstrauen gegenüber den westlichen Großmächten und auch Russland ist groß. Einige Beobachter sprechen von Paranoia, doch die Iraner haben durchaus historischen Grund zum Misstrauen.

Auch das extreme Sicherheitsbedürfnis der Iraner, das der Westen oft nicht ernst zu nehmen scheint, rührt aus diesen Erfahrungen. Gemeinsame Grenzen mit unruhigen Ländern wie Irak, Afghanistan und Pakistan – selbst ein Atomwaffenstaat – verstärken die Überzeugung, dass Iran auf sich allein gestellt ist inmitten einer eher feindlichen und unruhigen Region. Daher der Konsens, das Land müsse stark und unabhängig sein. Auch wenn bei dem Hickhack um eine Urananreicherung im Ausland viel Verzögerungstaktik und internes Chaos dabei ist: Die Angst, die westlichen Länder und Russland könnten ihr Wort abermals brechen, falls iranische Politik einmal wieder missfallen sollte, ist durchaus ein Faktor. Wie bei vielen Ländern in der Entwicklung kommt hinzu, dass Atomtechnik noch immer den Nimbus hat, Eintritt in den Club Weltelite zu verschaffen. Auch die grüne Opposition würde also das Atomprogramm weiterentwickeln.

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